Folia Theologica 1. (1990)
Günter Virt: Ist auf das Gewissen Verlaß?
70 G. VIRT Grundlage für spätere Entwicklungen bereits in der embryonalen Phase seiner Ansicht nach keimhaft vorhanden. Die Frage, wie die konkreten ethischen Normen einer Gesellschaft nun innerer Bestandteil der einzelnen Persönlichkeit werden können, ist mit den Mitteln der Hirnforschung nicht zu beantworten. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, mittlerweile in die verschiedensten Richtungen weiterentwickelt, spürt den Mechanismen der Psyche nach, mit Hilfe derer über dem Ich in der eigenen Person eine übergeordnete Instanz, das sogenannte über-Ich, aufgerichtet wird. Wer in der Volksschule etwa Kinder befragt, ob sie schon einmal die Stimme des Gewissens gehört haben, wird aus den Antworten leicht erkennen können, daß es sich um das verinnerlichte Echo der Stimme der Eltern handelt. Die Kinder lösen in der von Freud sogenannten ödipalen Phase existentielle Probleme mit der Autorität gleichsam durch psychisches Verschlingen dieser Autorität.15 Da der Vorgang der personalen Integration an diesem Alter noch nicht abgeschlossen ist, kann die Stimme dieser verinnerlichten Autoritäten zum Teil noch gut als fremde Stimme im eigenen Ich wahrgenommen werden. Später sind die Ansprüche des über-Ichs meist unbewusst. Nur die Funktion der Überwachung der Handlungen und Absichten des Ichs, die von diesem über- Ich ausgehen, nennt Freud aber Gewissen.16 Über die sittliche Richtigkeit der Inhalte, die auf diesem Weg aus dem Bereich der Kleingruppe Familie aufgenommen werden, ist allerdings auf diese Weise schlechterdings nichts entschieden. Menschliches Verhalten wird aber nicht nur durch die Kleingruppe der Familie, sondern durch die gesellschaftlichen Prozesse insgesamt, vor allem durch deren Institutionen, reglementiert. Das Gewissen erweist sich in dieser Sicht der Dirge als Umschlagplatz sozialer Normen. Es meldet sich bei versäumten sozialen Pflichten oder bei einer Kollision in sich unversöhnlicher, gleichberechtigter Sozialregulationen. "So ist das Gewissen weder eine halbwegs zuverlässige Brücke zum überleben noch ein brauchbares Erkenntnisorgan da, wo es keine Erkenntnis 15. Dieses psychische Schema ist vorgebildet beim In-den-Mund-stecken von Gegenständen: Dies erzeugt Lust, die Aggression kommt auf ihre Rechnung und schließlich wird die Trennungsangst überwunden. 16. S. FREUD, Gesammelte Werke Bd. 14, 495 f.