Folia Theologica et Canonica, Supplementum (2016)
Géza Kuminetz, Aktualitdt der thomistischen Staatsidee
170 GÉZA KUMINETZ nicht die Aufgabe dér Masse, sondem die nicht ausschliessliche und verant- wortungslose Sache ihres Vertreters also der Staatsmacht. Wenn das so ist, besteht die Freiheit, das heisst die Selbstbestimmung des Volkes als einer unter Macht stehenden organisierten Menge darin, dass es gehorsam ist und seine Unterworfenheit der Macht anerkennt (daher kommt das Wort Untertan, um das oben erwàhnte Verhaltnis zu bezeichnen; dieses Wort ist nicht demiitigend, denn die Staatsbürger können ohne das Verletzen der menschlichen Würde so genannt werden). Gehorsam einhaltend die Gesetze macht das Volk also letz- ten Endes nichts anderes, als die Verwirklichung des Gemeinwohls. Obwohl die Staatsmacht der Sitz der Macht ist und eine aktive, bestimmende Rolle im Betatigen des Gemeinwohls spielt, bedeutet das jedoch iiberhaupt nicht, dass die Individúen in der Gesellschaft gegeniiber dem Staat zur Passivitat verurteilt waren. Die Bürger habén dem Staat gegeniiber nicht nur Verpflichtungen, son- dern sie können sich in seine Tatigkeit mit ihrer Willensausserung auch einmi- schen. Dieses Einmischen bedeutet jedoch iiberhaupt nicht, dass die Regierung auf jeden Fall mit der Einwilligung der Untertanen durchgeführt werden muss. Aus dem Gesichtspunkt der christlichen Staatsidee gilt das ais ein übertriebe- nes demokratisches Prinzip,49 weil es eine unausführbare Utopie ausdrückt. Und zwar darum, weil das heute „im Zeitalter der Unwissenheit, der Leiden- schaften und der anderen Massenkrankheiten höchstens in Form von Karikatur wiedergegeben werden könnte: das sogenannte Wort und Willen der Massen bedeutet heute, durch eine moralische Notwendigkeit, das Wort und Willen eines Menschen oder einer Richtung, und den Sieg von denen über den indi- viduellen Willen. Die Menge hat kein eigenes Wort und keinen eigenen Willen, und falls so was in ihm ausgelöst wird, ist das entweder das Wort und Willen der Natur, der Trieb, oder das Herausspringen einer Kraft, die im Moment in den Vordergrund tritt, also in die Menge durch die Bemckung sozusagen eingeimpft wurde. In der Menge wird nur das hervorgerufen, was die Natur in sie in Form von Trieb einpflanzte, oder was dort geschickte Menschen saen konnten. Dementsprechend können wir aufgrund der Psychologie fiber das Regieren und Lei ten des Staates von wenigen durch das Volk, aber auf keinen Fall rein von dem Volk sprechen. Klar ausgedrückt diese These können wir sagen. dass die Demokratie in der jetzigen Form der menschlichen Natur nichts anderes sein kann, ais eine verhüllte Monarchie oder Oligarchie, in den meisten Fallen jedoch eine wirkliche tyrannische Herrschaft. Der aufrichtige Philosoph kann also seine Stimme nicht tur die übertriebene Demokratie sondern höchstens für die monarchia democratisata erheben.50 Innerhalb der Rahmen von 49 Über die christliche Auffassung der wahren Demokratie siehe: Papst Pius XII., A demokrácia [Die Demokratie], in Communio. Nemzetközi Katolikus Folyóirat [Communio. Internationale katholische Zeitschrift], 4 ( 1996) 67-72. Am schlechtesten ist die auf einem Mehrparteiensystem basierende Staatseinrichtung, wo sich die Partéién nur um ihre eigenen partiellen Interessen bekümmern, und die anderen Partéién