Folia Theologica et Canonica 4. 26/18 (2015)

SACRA THEOLOGIA - Hans Mendl, Wenn der Tod einbricht (...) Kinder, Gott und das Leid

52 HANS MENDL Wenn Karl Ernst Nipkow die Theodizee-Frage als „Einbruchs-Stelle““ für den Gottesglauben im Jugendalter bezeichnet, so hat dies eine doppelte Bedeu­tung: Die Frage nach Gott bricht in solchen Situationen auf, je nach deren Be­arbeitung kann sich der Gottesglaube bewähren - oder er bricht ein. Gott er­weist sich als Helfer und Garant des Guten, oder, im negativen Fall, als zentrale Enttäuschung. Die Religionskritik seit der Aufklärung erwies sich letztlich als hilfreich, da­mit sich die Reflexion über Gott im Christentum weiterentwickeln konnte. „Der Gott mit dem Schlüsselbund, der auf alle Fragen eine Antwort bereithält, der Gott mit dem Taschentuch, der uns in all unserem Leiden tröstet, der Gott mit dem Portemonnaie als Quelle all unserer Sicherheit - diese Götterbilder mussten früher oder später zu Grabe getragen werden“23 24, äußert der Christ in Shafique Keshavjees Wettstreit der Religionen „Der König, der Weise und der Narr“. Insofern ist vor einer billigen, einfältigen, eindimensionalen Gottesrede in Liturgie und Religionsunterricht, bei Leichenreden und im Fernsehen, die leider noch weit verbreitet ist, zu warnen. 3. Unangemessene Trostworte „Das war für sie eine Erlösung !“ - „Gott hat ihn zu sich gerufen !“ - „Das ist für alle besser so!“ - so lauten bekannte Trostworte, die einem Trauernden ge­genüber ausgesprochen nicht unproblematisch sind. Im Augenblick des Leids wirken die meisten Argumente zynisch, weil sie erst in der Distanz für den vom Leid betroffenen Menschen Bedeutung erlangen können. Zu meinen, man kön­ne jederzeit die richtige Antwort geben oder es gäbe eine immer und auf jede Situation passende Antwort auf die Leid-Frage, diese Haltung kann man als „Didaktik der todrichtigen Antwort zur falschen Zeit“25 bezeichnen. Problematisch sind Strategien des Trostes dann, wenn dieser mit Argumen­ten verbunden wird, die die existentielle Leidsituation und das, was die vom Leid Betroffenen für sich selber gerade als nötig erachten, nicht ernst nehmen. Ich möchte das Grundproblem dieses Ansatzes an zwei Beispielen aus der Kin­der- und Jugendliteratur verdeutlichen. Elizabeth Laird erzählt im Jugendbuch „Ben lacht“ aus der Perspektive des Mädchens Annie vom Schicksal ihres Bruders Ben. Dieser leidet an einem Hydrokephalos (Wasserkopf). Als Ben stirbt, sagt eine Nachbarin Folgendes zu Bens Mutter: „Sie werden bald darüber hinwegkommen. Schließlich war es doch eine Erlösung, oder nicht?“ Annie kommentiert dies so: „Mama war rich­tig zornig. Ich hatte gehört, wie sie selbst zu Oma sagte, dass zumindest Ben 23 Nipkow, K E., Erwachsenwerden ohne Gott?, München 1987. 52ff. 24 Keshavjee, S., Der König, der Weise und der Narr. Der große Wettstreit der Religionen, Mün­chen 2000. 50. 25 Mendl, H., Kinder, Gott und das Leid, 76.

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