Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)

IUS CANONICUM - Joseph Gehr, Die Förderung der affektiven Reife in der Seminarausbildung. Eine unerlässliche Voraussetzung zur Vorbereitung auf das zölibatäre Leben des Priesters

DIE FÖRDERUNG DER AFFEKTIVEN REIFE IN DER SEMINARAUSBILDUNG 233 Leben und die Ehe spirituell auf gleicher Höhe angesiedelt. Anknüpfend an das Prinzip der Kontinuität lehrt das Konzil anders. Es formuliert den geistlichen Vorrang der Jungfräulichkeit vor dem Stand der Ehe; freilich nicht in der Ab­sicht, die Würde dieses Sakramentes zu mindern, sondern um der geistlichen Erfahrung der Kirche über Jahrhunderte hinweg zu entsprechen. Das beschrie­bene Verhältnis zwischen dem ehelosen Leben um des Himmelreiches willen und dem ehelichen Leben der Gatten schließt eine gegenseitige geistliche Stärk­ung nicht aus. Vielmehr sind beide aufeinander bezogen und ergänzen sich ge­genseitig17. Darauf verweist auch das Nachsynodale Apostolische Schreiben über die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart „Pastores dabo vobis“ mit den Worten: „Indem (...) [der Priester] den evangelischen Wert der Jungfräu­lichkeit bezeugt, wird er insbesondere die christlichen Eheleute dazu anhalten können, das ,große Sakrament1 der Liebe des Bräutigams Christus zu seiner Braut, der Kirche, in seiner Fülle zu leben, so wie auch seine Treue im Zölibat für die Treue der Eheleute hilfreich sein wird“18. III. Ehelos leben in einer erotisierten Umwelt Im Anschluss an die Feststellung über die geistliche Vorrangigkeit des ehelosen Lebens versäumt es das Konzil nicht, auf seine Gefährdung besonders im gegen­wärtigen gesellschaftlichen Kontext hinzuweisen19. In welchem Ausmaß diese Bemerkung heutzutage zutrifft, konnten sich die Konzilsväter in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts kaum vorstellen. Inzwischen haben sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen radikal verändert. Das allgemeine Klima für das ehelose priesterliche Leben ist erheblich ungünstiger geworden. Diese Beobachtung kann man an verschiedenen Punkten festmachen, beispiels­weise an der permanenten Kritik über die Verpflichtung zum ehelosen Leben des Priesters20, an der mangelnden Wertschätzung dieser Lebensform21 und nicht zuletzt an der breitflächigen Erotisierung des menschlichen Lebens22. 17 Vgl. Hillenbrand, K., Geistliche Menschen - menschliche Geistliche. Priester sein in verän­derter Zeit, Würzburg 2009. Nr. 6, 44-45. 18 Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Pastores dabo vobis über die Pries­terbildung im Kontext der Gegenwart (25. März 1992) [VApSt 105], Nr. 50,91. 19 Vgl. OT, art. 10, n. 794(836). 20 Vgl. Schwibach, A. (Hrsg.), Reizthema Zölibat. Pressestimmen, Kisslegg 2011. 21 Vgl. Zulehner, P. M. - Hennersperger, A., „Sie gehen und werden nicht matt" (Jes 40,31). Priester in heutiger Kultur. Ergebnisse der Studie Priester 2000, Ostfildern 2001/ 116-117. 22 Vgl. Sorgi, C., Sopra il deserto rimangono le stelle. Spunti nati dall’esperienza di un prete che lavora nei mass-media, in Seminarium 1-2 (1984) 193-200.

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