Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)

IUS CANONICUM - Joseph Gehr, Die Förderung der affektiven Reife in der Seminarausbildung. Eine unerlässliche Voraussetzung zur Vorbereitung auf das zölibatäre Leben des Priesters

234 JOSEPH GEHR Der zölibatäre Priester lebt in einer Umwelt, deren Sexualisierung ein un­glaubliches Ausmaß angenommen hat. Nach dem Präfekten der Kleruskongre­gation wäre es verfehlt, das Thema der Formung der affektiven Reife im Zu­sammenhang mit der Vorbereitung auf das zölibatäre Leben anzugehen, ohne die eigentliche Revolution zu bedenken, die sich in Europa und darüber hinaus in den vergangenen 50 Jahren ereignet habe. Seiner Einschätzung nach ist es in jeder Epoche eine komplexe Angelegenheit gewesen, die vollkommene Ent­haltsamkeit für das Reich Gottes und den sich daraus ableitenden Zölibat we­gen der Gebrechlichkeit der menschlichen Natur zu leben. Die Erotisierung der Umwelt habe dies aber in besonderer Weise erschwert. Er herrsche ein Klima des Pansexualismus und der Hyper-Erotisierung, das von der Reduzierung und Banalisierung der Bedeutung des Geschlechtsakts durch die medizinische und technische Möglichkeit der Trennung von menschlicher Vereinigung und Zeug­ung geprägt sei. Gemäß Kardinal Piacenza haben die modernen sozialen Kom­munikationsmittel, vor allem das Fernsehen und das Internet, wesentlich zur Förderung und Verbreitung dieser Atmosphäre beigetragen, indem sie in jedes Haus und an jeden Ort Bilder beförderten, zu denen vorher der Zugang zumin­dest erschwert gewesen sei. Diese prägten sich dem Gedächtnis ein, nährten die Phantasie und wirkten auf das Unterbewusstsein des Menschen. Auf diese Weise sei eine erotisierte Kultur entstanden, die das gegenteilige Verhalten im allge­meinen Urteil als ,fremd' erscheinen ließe. Von dieser seien auch jene, die den Ruf zum Zölibat und zum Priestertum wahmehmen würden, tief geprägt23. IV. Ausbildung zum Zölibatären Leben „In einem solchen Kontext wird eine Erziehung zu verantworteter Geschlecht­lichkeit immer schwieriger, aber auch dringender (...) [Sie] erweist sich (...) als ganz und gar unverzichtbar für den, der als Priester zum Zölibat berufen ist. (...) Der zum Zölibat berufene Kandidat wird (...) in der Reife des Gefühls­lebens eine feste Stütze finden, um die Keuschheit in Treue und mit Freude zu leben“24, bemerkt Papst Johannes Paul II. in „Pastores dabo vobis“. Werden während der Ausbildung im Seminar nicht die notwendigen Grundlagen gelegt, wird es für die angehenden Priester angesichts der beschriebenen Situation nur sehr schwer möglich sein, die zölibatäre Lebensform überzeugend und im Sinne der Kirche zu leben. Die eingangs erwähnten Verfahren für die Dispens von den priesterlichen Weihverpflichtungen an der Kleruskongregation untermauern 23 Vgl. Piacenza, M., La formazione affettiva al sacro celibato, 17-20; vgl. Johannes Paul II., Pastores, Nr. 44, 81. 24 Johannes Paul II., Pastores, Nr. 44, 81.

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