Folia Theologica et Canonica 1. 23/15 (2012)
SACRA THEOLOGIA - Zoltán Rokay, Leo Scheffczyk und die Tübinger Schule
LEO SCHEFFCZYK UND DIE TÜBINGER SCHULE 113 lässt.94 Möhlers „Anthropologie“, seine Lehre vom Sündenfall kann man auch als in einer Auseinandersetzung mit Schelling formulierte verstehen95, aber ich fand dabei keine direkte Bezugnahmen. Staudenmaier hat sein Urteil über Schelling mehrmals modifiziert, wie auch Schelling seinen Standpunkt öfters „gewechselt“ hat. Anton Burkhart formuliert es (sich auf Äusserungen Staudenmaiers stützend) so: „Mit Staudenmaier wurden viele Romantiker in ihren Erwartungen und Hoffnungen über den christlichen Schelling enttäuscht. Staudenmaiers Enttäuschung schwingt unüberhörbar in seinem Aufsatz in der Freiburger Zeitschrift für Theologie ,Über die Philosophie der Offenbarung von Schelling1 (Jahrgang 1842, VIII. 247- 416) mit, der das letzte, zusammenfassende und ausgewogene Urteil Staudenmaiers über das ganze Schellingsche System enthält.“96 Und dann in Anmerkungen: „Staudenmaier hat in der .Enzyklopädie1 (...) zu optimistisch geurteilt, wenn er von Schelling sagt, jener ,tiefe und kühne Geist1, der anfänglich selbst in die rationalistischen, d. h. pantheistischen Systeme verflochten gewesen sei, habe die Philosophie davon befreit (...) In der 2. Aufl. der .Enzyklopädie1 ist Staudenmaiers Urteil schon vorsichtiger, wenn er von der zweiten Periode Schellings zugesteht, dass Schelling mit der Betonung der Persönlichkeit Gottes eine andere Spekulation verbunden habe, die einen ziemlich .pantheistischen Anstrich1 trägt und an die frühere Periode erinnert.“97 Von Kuhns expliziten Stellungnahme zu Schelling war schon die Rede. Sie soll dadurch ergänzt werden, wie Kuhn auf die Wertung des Katholizismus und des Protestantismus durch Schelling reagiert: „(der) Protestantismus kann mit Paulus sagen: von Gottes Gnaden bin ich, was ich bin; ich habe mehr gearbeitet als sie alle (...) Das aber haben sie nicht durch Gottes Gnaden getan, sondern durch seine Ungnade, und darin sind sie keine Arbeiter in seinem Weinberge, sondern Diener der Welt gewesen.“98 Für die Rekonstruktion der Philosophie der Offenbarung von Schelling, welche jede zeitgenössische Kritik voraussetzt, gilt im allgemeinen, dass ihr die berüchtigte Mitschrift von Paulus aus Berlin zugrunde liegt. Das galt bis in der Bibliothek der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt die Niederschrift eines Diktats der „Urfassung der Philosophie der Offenbarung“ entdeckt, und durch Walter E. Ehrhardt bei Felix Meiner in Hamburg 94 Vgl. Geiselmann, J. R., Die Theologische Anthropologie Johann Adam Möhlers, Herder-Frei- burg 1955. 369. 95 Vgl. ebd. 176, 305. 96 Burkhart, A., Der Mensch - Gottes Ebenbild und Gleichnis. Ein Beitrag zur dogmatischen Anthropologie F. A. Staudenmaiers, Freiburg 1962. 119. 97 Ebd, vgl. Anm. 39. 98 Kuhn, J., Die Schelling'sehe Philosophie und ihr Verhältnis zum Christentum, in Theologische Quartalschrift ( 1845) 37.