Kaposy Veronika szerk.: A Szépművészeti Múzeum közleményei 42. (Budapest, 1974)
SCHINDLER, WOLFGANG: Römischer Porträtkopf im Museum der Bildenden Künste
dieser Zeit einreiht, ist die Art und We>se, wie Individualgehalt und Zeitgehalt bildkünstlerisch miteinander verflochten sind. Es ist nicht möglich, beide Merkmalsgruppen klar voneinander zu scheiden. Die Bedachtsamkeit, fast sinnende Milde des Blicks, — die entschiedene, doch nicht verbissene Willenshaltung, die in der Mundpartie zum Ausdruck gelangt, — schließlich der zu einer letzten organisch gefügten Einheit sich verdichtende Habitus des Gesichtes verleihen der dargestellten Persönlichkeit ihre unverwechselbare Individualität ; sie geben aber gleichzeitig allgemeine Merkmale des Menschenbildes dieser Zeit zu erkennen. Dieses Allgemeine kommt in der Beruhigung der Gesichtszüge, in der achsenbetonten Gliederung und Klärung der Gesichtsflächen zum Ausdruck, die eine zugespitzt individuelle Darstellung, wie sie in dieser Zeit, z. B. am Kaiserporträt, dominiert, weitgehend mildert und abdämpft. Diese Zurückhaltung des Individuellen läßt bereits etwas von dem «Klassizismus)/ der Gallien-Zeit vorausahnen. Das Besondere dieses «Klassizismus» liegt zweifellos darin begründet, daß einerseits in dem Verallgemeinerungsbestreben hellenistisch-römisches Gestaltungserbe erneut zum Tragen kommt, andererseits der Abbau der organischen Bildnisauffassung durch die zunehmende Abstraktion dieses Prinzips vorangetrieben wird. 22 Den besonderen Rang unseres Köpfchens haben wir zweifellos darin zu erblicken, daß es ungleich anderen, individuell stärker eingegrenzten Porträts diese allgemeinen Gestaltungsmerkmale besonders betont und damit zum Ausdrucksträger dieser zukunftsträchtigen Gestaltungskomponente geworden ist. Zweifellos erschwert dieser Sachverhalt die Datierung des Bildwerks. Andererseits gelangt in ihm ganz offensichtlich — wie wir bereits angedeutet hatten — die hellenistisch-römische Tradition stärker zum Zuge, die wie gesagt in der Gallien-Zeit unter Zurückdrängung des Individuellen noch einmal Epoche gemacht hat 23 , um am Ende in das zunehmend entpersönlichte Menschenbild der diokletianischen, konstantinischen Ära einzumünden. Welche letzten Reserven es auf diesem Wege zu mobilisieren vermochte, um dem Aufzehrungsprozeß des organischen Bauprinzips entgegenzuwirken, verdeutlicht ebenso großartig wie erschütternd hinsichtlich der individuellen Einbußen das Diokletian-Porträt von Izmit (Abb. 16). Das Budapester Köpfchen nimmt diese Wandlung, die das Ende der griechisch-römischen Antike bezeichnet, in seinen — freilich noch nicht rigoros abstrakt gefaßten — Verallgemeinerungstendenzen andeutungsweise voraus. Aus welchen gesellschaftlichen Grundlagen sind diese Wandlungen des Menschenbildes zu verstehen ? Der in der Soldatenkaiserzeit sich ständig reproduzierende Zersetzungsprozeß des römischen Iniperiunis hatte allmählich zur Schwächung und Infragestellung der zentralen Staatsgewalt geführt. Die politische Dezentralisierung hatte zu militärischen und ökonomischen Konsequenzen geführt, die das Verteidigungs- und Wirtschaftssystem imperiumsweit lähmten und teilweise stillegten. Die machtvolle Demonstration der Einzelpersönlichkeiten auf dem Kaiserthron, ihre nicht enden wollenden Rivalitäten und Versuche, das Imperium wiederherzustellen, waren zum Scheitern verurteilt. Das Prinzip des republikanischen Zentralismus, der sich in der Kaiserzeit in monarchischer Form weiterhin bewährt und den Riesenorganismus des römischen Imperiums in Gang gehalten hatte, war abgenutzt und zerbrach unter den Händen der Soldatenkaiser. 24 22 Vgl. L'O range, H. P. : Studien 8f. 23 s. L'O range, Ft. P. : Studien 1. T e c h n a u, W. : Die Kunst der Römer. Berlin 1940, 264ff. Krau s, Th.: Propyläen-Kunstgeschichte 2,113 (Rückgriff auf röm. Klassizismus) 24 s . Kraus, Th. : Propyläen Kunstgeschichte 2,1 1 Of. Bianchi Bandinelli, R. : Rom — Das Ende der Antike 8ff.