Hedvig Győry: Mélanges offerts a Edith Varga „Le lotus qui sort de terre” (Bulletin du Musée Hongrois des Beaux-Arts Supplément 1. Budapest, 2001)

MELINDA AL-RAWINÉ KŐVÁRI: Die Verkündigungsszene in der koptischen und byzantinischen Kleinkunst - unter besonderer Berücksichtigung der Anwendung der Szene auf Textilien, Ampullen, Ringen und Armbändern

bildet, muß man zunächst einmal die Darstellungen vor dem Hintergrund des Verwendungskontextes und der Herkunft des betreffenden Objektes unter­suchen. Die literarischen Quellen spielen zwar eine wesentliche Rolle für das Verstehen des Darstellungstypus, sie stehen der Bildsprache jedoch nicht als einzige Quellen zur Verfügung. Bedauerlicherweise gibt es keine primären Zeugnisse, die die Beziehungen zwischen dem Wort und der bildlichen Wiedergabe desselben im koptischen Kulturkreis behandeln. Die literarischen Quellen stammen nicht aus dem ägyptischen Bereich, sie sind vielmehr aus dem Griechischen übersetzt. Aus diesem Grund müssen die Kunstdenkmäler mit größerem Bedacht untersucht werden. Die Erzählung der Verkündigung an Maria kommt oft vor: die Erzählung des Lukasevangeliums (1.26-38) geht auf ältere Überlieferungen zurück. Sowohl die Verkündigung an Zacharias, als auch die Verkündigung an Maria ist nach dem Modell alttestamentlicher Verkündigungsgeschichten aufgebaut. 3 Am nächsten kommt ihnen z. B. die Erzählung von der Erscheinung des Engels vor Gideon (Ri 6), vor Abraham (Gen 17, Dublette Gen 18), vor Moses (Ex 3-4) oder vor den Eltern Simsons (Ri 13). In jeder dieser Geschichten kehren folgende Elemente wieder: die Erscheinung Gottes oder eines Engels, die Furcht des Menschen, die himmlische Botschaft, der Widerstand seitens des Empfängers, die Bestätigung der Botschaft durch ein Zeichen. Der Text des Neuen Testaments war ein Ausgangspunkt für die späteren Schriftsteller. In der Ikonographie spielen die Apokryphen dagegen eine wesentlichere Rolle als das Neue Testament. Das Protoevangelium des Jakobus erzählt die Geschichte der Verkündigung an Maria, in welcher folgende, für die Ikonographie wichtige Elemente vorkommen: 4 Wasserschöpfen aus dem Brunnen, die Stimme des Engels, Purpurspinnen, Zweifel Marias, Rede Marias und des Engels. 5 Rusticus Hclpidius weist auf die Paralellc von der alttestamentlichen Eva und der neutestamentlichen Maria hin. In: PL 62, Paris 1848, Sp. 543. 4 Die Übersetzung von W. Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen. I. Evangelien, Tübingen 1987, S. 343. "11.1. Und sie nahm den Krug und ging hinaus, um Wasser zu schöpfen, und siehe, eine Stimme sprach zu ihr: "Sei gegrüßt, du Begnadigte, der Herr sei mit dir, du Gesegnete unter den Weihern. " Und Maria schaute sich nach rechts und links um, woher diese Stimme komme. Und sie erbebte, ging in ihr Haus, stellte den Krug ab, nahm den Purpur, setzte sich (damit) auf ihren Stuhl und spann den Purpur. 11.2. Und siehe, ein Engel des Herrn stand (plötzlich) vor ihr und sprach: "Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast Gnade gefunden vor dem Allmächtigen und wirst aus seinem Wort empfangen. " Als sie das hörte, zweifelte sie bei sich selbst und sprach: "Ich sollte empfangen vom Herrn, dem lebendi­gen Gott, [und gebären], wie jedes Weib gebiert? " 11.3. Und der Engel des Herrn trat hinzu und sprach zu ihr: "Nicht so, Maria; denn Kraft des Herrn wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, was aus dir geboren wird, Sohn des Höchsten genannt werden. Und du sollst seinen Namen Jesus heißen; denn er wird sein Volk von seinen Sünden ret­ten. " Und Maria sprach: Siehe, (ich bin) die Magd des Herrn vor ihm: mir geschehe nach deinem Wort! "

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