Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)

Ferenc Csaplár: Lajos Kassák, der Buch- und Werbegestalter

„Krieg und Leichen - die letzte Hoffnung der Reichen". Der Aktualität der Publikation entsprechend nahm er dabei an mehreren Punkten Änderungen vor. Den Verdienstorden um den Hals der Hyäne tauschte er gegen ein Hakenkreuz aus, in den Hintergrund montierte er die Zeichnung einer Ha­kenkreuzfahne und unter die Komposition setzte er anstatt der ursprünglichen Aufschrift die folgende Losung: „Alle Macht in die Hände von Adolf Hitler!" In dem letztgenannten Fall äußert sich nicht nur die gei­stige Beziehung, die Kassák mit der deutschen Montage­kunst pflegte, sondern darüber hinaus, daß nach Kassáks Auffassung in dem Begriff der Reklame und der Typografie jederzeit auch die gesellschaftliche und politische Propa­ganda einbezogen war. Diese Propaganda war zu Beginn der zwanziger Jahre auf die Mobilisierung für eine radikale Veränderung der Gesellschaft und für die Verwirklichung ei­ner neuen Ordnung anstelle der alten zugeschnitten. In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre hielt es der Werbege­stalter und Buchkünstler Kassák nach seiner Heimkehr aus dem Exil und nachdem das politische System in Ungarn sich konsolidiert hatte bzw. ein wirtschaftlicher Aufschwung ein­getreten war, für notwendig, sich für die Verwirklichung sol­cher, im gemeinschaftlichen Interesse gesetzten Ziele ein­zusetzen wie die Modernisierung des Budapester Straßen­bildes, die Anhebung des Niveaus der Verkaufskultur, För­derung der Wettbewerbsfähigkeit ungarischer Waren, Ver­breitung eines allen zugänglichen und dank der typografi­schen Gestaltung ein ästhetisches Erlebnis bietenden Buchtyps, Propagierung linksorientierter kultureller Unter­nehmungen und Veranstaltungen, Gründung eines Vereins und Veranstaltung einer Ausstellung zur Erneuerung der un­garischen Buch- und Werbekunst. Die gesellschaftliche Nützlichkeit der Werbung und die Notwendigkeit ihrer mora­lischen und ästhetischen Erneuerung betreffend berief er sich auf zwei Beispiele; zum einen auf das nachrevolutionä­re Rußland: „Dieses Staatsgebilde, welches nach größerer Einheitlichkeit und kollektiveren Lebenseinrichtungen trach­tet, hat die Reklame nicht beseitigt, dieselbe bloß den Kral­len der auf die Konjunktur erpichten Privatinteressen entris­sen und diese bisher antisoziale Kraft zu einer die Interes­sen der Gemeinschaft verfolgenden Propaganda umge­formt. Hierdurch wurde die russische Reklame nicht bloß im moralischen Sinne, sondern auch der künstlerischen Be­deutung nach wie neugeboren." 6 0 Das andere Beispiel: „Das im Kriege niedergerungene Deutschland ist schnell zur Er­kenntnis gelangt, daß es seine wirtschaftliche Bedeutung am raschesten und sichersten durch seine ökonomische Produktion und durch den Qualitätswert seiner produzierten Waren zurückgewinnen kann. Es produziert auf Grund wis­senschaftlicher Erwägungen und ist ebenfalls auf Grund wissenschaftlicher Erwägungen bestrebt, für seine produ­zierten Waren Märkte zu sichern. Auch die Entwicklung der deutschen Reklameherstellung wird durch den unüberwind­lich scheinenden Lebensinstinkt des Landes sowie durch die Bewußtwerdung dieses Lebensinstinktes gelenkt. Zu den aus gutem Material sorgfältig hergestellten Waren ha­ben deutsche Künstler die elementare Reklamekunst ge­schaffen, welcher unbegrenzte Entwicklungsmöglichkeiten offen stehen, aber in vielen Fällen ist dieselbe bereits heute eher eine gesellschaftliche Propaganda als eine auf die Unorientiertheit und naive Leichtgläubigkeit des Publikums berechnete Agententätigkeit." 6' Mit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise und dem Ende der Periode wirtschaftlicher und politischer Konsolidierung war die Existenzberechtigung einer auf die Reform der Ver­hältnisse hinzielenden werbegestalterischen Tätigkeit in Frage gestellt. Zugleich nahm mit der Zuspitzung der sozia­len Kämpfe die Rolle der politischen Agitation zu. Indem Kassák den Umschlag für eine mit dem Titel „Arbeit und Brot!" (Munkát, kenyeret!) geplanten Publikation zeichne­risch entwarf, schloß er die für den Zeitraum 1921-1933 an­zusetzende Periode seiner buch- und werbekünstlerischen Tätigkeit ab. 6 2 Das früheste Zeichen für Interesse und Wertschätzung, die Kassáks buch- und werbekünstlerischem Schaffen zuteil wurde, äußerte sich darin, daß Gorham B. Munson, Redak­teur der in New York ansässigen, eine Zeitlang jedoch in Wien gedruckten Zeitschrift „Secession", Kassák einlud, das Titelblatt für Heft 2 der Zeitschrift zu entwerfen. Es war eine Besonderheit, daß die „Secession", abweichend von ande­ren Blättern und der eigenen vormaligen Praxis, den Gestal­ter des Titelblatts der Juli-Nummer 1922 vorstellte. Der zur Unterrichtung des amerikanischen Publikums verfaßte Text lautet: „Das Titelblatt entwarf Lajos Kassák, der ungarischer Kommunist ist und als politischer Flüchtling in Wien lebt. Er gibt »Ma« heraus, die Beziehungen zur Avantgarde in Frankreich, in Rußland und in Deutschland sowie in Ameri­ka unterhält." Sophie Taeuber-Arp war von den Heften der „Ma" und vom „Buch neuer Künstler" so begeistert, daß sie Ende 1922 den Entwurf eines „Kassák-Denkmals" anfertig­te. 6 3 Gorham B. Munson machte in Heft 5 der „Secession" Juli 1923 in seinem Lob auf die „Ma" zuerst auf das visu­elle Erscheinungsbild der Zeitschrift aufmerksam: „Als Auf­putschmittel möchte ich die von Lajos Kassák herausgege­bene ungarische aktivistische Zeitschrift empfehlen. Sie hat auf dem Gebiet der experimentellen Typografie und Kompo­sition hervorragende Resultate aufzuweisen." 6 4 Im Mai 1924 war in der Kassák-Ausstellung der Berliner Sturm Galerie auch je eine typografische und werbekünstlerische Arbeit zu sehen. Letztere, der nur als Kiosk bekannte Entwurf für ei­nen Zeitungskiosk, ist nicht nur im Katalog, sondern dank des Interesses ihres Herausgebers Herwarth Waiden auch in „Dem Sturm" vom Juli 1925 abgedruckt. 6 5 In der Sonder­nummer „elementare typographie" der „Typographischen Mitteilungen" vom Oktober 1925 nannte der Herausgeber unter den Zeitschriften, die „für die Idee der neuen Typog­raphie kämpfen", auch die von Kassák herausgegebene „Ma". 6 6 Ernst Kállai hielt in seinem 1925 erschienenen Buch „Neue Malerei in Ungarn" vom Werk des Konstruktivisten Kassák die typografischen Arbeiten für wirklich bedeutend. Die typografische Gestaltung von „Ma" und „Buch neuer Künstler" würdigte er als „selbst im internationalen Ver­gleich" herausragende Leistungen. 6 7 Vermutlich spielte auch Kállais Urteil eine Rolle dabei, daß Kassák noch vor seiner Heimkehr aus dem Exil mit ei­ner Buch- und Plakatausstellung vor die Öffentlichkeit in Bu­dapest treten wollte. Das Vorhaben wurde allerdings wegen finanzieller Schwierigkeiten nicht realisiert. 6 8 Die Buchhand­lung Mentor in der Andrássy út 17, am geplanten Schauplatz der Ausstellung, widmete Juni 1926 dem „Buch der Rein­heit" ein ganzes Schaufenster. Der Entwurf für die Sichtwer­bung stammte von dem Maler Béla Kádár. Im Mittelpunkt 76

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