Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)

Das Plakat und die neue Malerei

DAS PLAKAT UND DIE NEUE MALEREI Es ist eine alte Weisheit: Künstler und Mensch sind als Be­griff untrennbar, nur wenn wir diese „zwei Leben" als Einheit betrachten, kommen wir bei der Beurteilung des künstleri­schen Produkts zu einem objektiven Ergebnis. Wenn wir uns aber zu dieser Ansicht bekennen, dann stellen wir uns damit scheinbar auf den Standpunkt des Determinismus und sind bereit, alle Töne, Farben und Bewegungen des Lebens als Elemente eines vorherbestimmten, ständig von außen be­einflußten Prozesses zu begreifen - und das wäre gleichbe­deutend mit der Theorie der völligen Subordination. Wir be­kennen, daß der Mensch als physisches und extrem kollek­tives Wesen ständig den Einflüssen der Außenwelt ausge­setzt ist, seine geistige Überlegenheit über alle Dinge aber - und hier brechen wir aus dem orthodoxen Determinismus aus - verleiht ihm dennoch die Möglichkeit, mindestens fünfzig Prozent der Einflüsse abzuwehren und die ihm auf­gezwungene Lebensweise in eine möglichst bewußte, eigenständige Richtung zu korrigieren. Diese These gilt für den Menschen als geistigen Faktor, und sie gilt noch viel­mehr für den Künstler als das humane Maximum. Betrachten wir aus diesem Blickwinkel die moderne Ma­lerei. Gegen die kürzlich zum Abschluß gekommene Bewe­gung, die die Flagge des Impressionismus zum Sieg führte, möchten wir die Entwicklung auf anderen, sicheren Wegen schnurstracks einem anderen Ziel entgegentreiben. An die Stelle des naiven Staunens der Impressionisten soll das maßvolle, selektive Sehen des von allen prinzipiellen Kon­ventionen und sentimentalen Gefühlsmomenten kulturvoll entkleideten Menschen des 20. Jahrhunderts treten. Statt der bisherigen schönen Wahrheit, der Künstler sei eine Har­fe, auf der das Leben seine launischen Lieder spielt, soll jetzt die harte Wahrheit gelten, daß das Leben nur rohes, untergeordnetes Material für das gestaltende Genie des Künstlers sei. Das Modell, hingestellt vor das Auge des neuen Malers, ist kein nachzubildendes Thema, es ist allein an Formen ge­mahnender Stoff für den schöpferischen Willen! Der Stoff ist also nur als Sprungbrett für die Phantasie des Künstlers geeignet, nur Kompensation jener intensiven Kopfarbeit, die ständig sich aus ihrem Milieu zu befreien sucht, und sei dieses Milieu gar die heutige Welt. Wir den­ken hier nicht an die üblichen Begabungen, an die dekaden­ten Talente, sondern an das Genie im engsten Sinne des Wortes, das stets als Prophet, als turmgleiches Individuum an die Spitze der Massen geboren wird. Ausgangspunkt der neuen Malerei ist also die Natur ­doch Naturalismus kann diese Kunst niemals sein (nicht ein­mal im Sinne Giottos, obwohl dieser, im Vergleich zu dem ebenfalls naturalistischen Jordaens, bereits ein wahrer Gott ist), weil ihr Ziel nicht in der möglichst weitgehenden Annä­herung an die Natur besteht: sie will vielmehr möglichst weit von ihr wegschwingen, will über sie hinwegschwingen. Reiner Naturalismus ist nichts anderes als liberale Kon­templation, der wahre Künstler aber ist zu allen Zeiten ein revoltierendes, revolutionäres Temperament! Ich, der ich meine Augen schon weitgehend auf die mich umgebende Natur gerichtet habe, brauche kein malerisches Produkt, das im wahrsten Sinne des Wortes die Äußerlich­keiten einer Landschaft oder eines Körpers geschickt auf die Leinwand produziert. (Das ist Naturalismus.) Ein solches Bild mag ein akzeptabler Wandschmuck sein oder ein Be­weis für das großartige Affentalent eines lieben Freundes: das Ziel der Kunst aber ist ein anderes. Sie kann sich nicht einmal mit der Rolle des Chronisten zufriedengeben, zumal heute, da wir die Ereignisse in der Welt mit einem viel einfa­cheren technischen Verfahren (mit dem Kinematogramm) fast haargenau kopieren können. Zusammenfassend: Die neue, in unserem Sinne zeitge­mäße Malerei wird jenseits des Naturalismus und jenseits des Impressionismus zur Welt kommen (und dabei die un­bestreitbaren Errungenschaften beider Schulen in sich verschmelzen). Die Malerei der vergangenen Jahrhunderte hat uns als absoluten Wert vor allem die Art der Bearbeitung des The­mas, die Darstellungskraft des Künstlers überliefert - das ist eine allgemein bekannte Feststellung. Der soziale Wert, der in der Entscheidung für ein Thema liegt, ist immer ein vorläu­figer; für die Nachwelt kritisch bewertbar aber wird ein Bild durch die Art seiner Ausführung ... Und das ist der Punkt, an dem uns die Begegnung von Plakat und neuer Malerei sinnvoll erscheint. Wie die Handelsvertreter, die vor noch gar nicht allzu langer Zeit mit Hunden gejagt wurden und heute durchaus zu angesehenen Akteuren unseres gesellschaftlichen Le­bens avancierten, so ist auch dem Plakat, einst aus den „heiligen Hainen" der Kunst ausgestoßen, inzwischen eine wahrhaft lebendige Rolle beschieden worden, die auf alle Momente unseres materiellen Lebens Einfluß nimmt. Das gute Plakat ist ein schier unfehlbarer Gradmesser für unser kommerzielles, industrielles, politisches und künst­lerisches Leben. Im Bild des Plakats schafft sich jedes grö­ßere Unternehmen seinen eigenen Anwalt, der anstelle von hunderttausend Mündern Marktpropaganda betreibt, sich mit Farben und Formen hineinschreit in jedes sehende Au­ge, Tag und Nacht sich für die Geschäftsinteressen seines Auftraggebers einsetzt. Auf dem guten Plakat muß die feilgebotene Ware nicht abgebildet sein (ist sie auch nicht), es erzwingt seine Wir­kung allein mit der Kraft der Suggestion. Das gute Plakat steht immer im Zeichen des Radikalis­mus (sein Meister will mit ihm immer eine träge Masse oder eine feindliche Strömung durchbrechen), deshalb tritt es nie­mals als bloßer Teil einer Menge, sondern als eine auto­nome absolute Kraft auf den Plan. Es ist von Natur aus im­mer agitativ, doch im Grunde niemals eingeschränkt. Denn das gute Plakat ist nicht nur als Geschäftsvermittler von Be­deutung, es ist auch als reines künstlerisches Produkt oh­ne Vorbehalt genießbar und bewertbar, wie ein Landschafts­bild oder ein Porträt. Es ist in der Lage, alle bisherigen Wer­te der Malerei in sich zu vereinen und leichter als jedes „künstlerisch" gestaltete Bild sogar noch zu bereichern, oh­ne seine tatsächliche Mission einzubüßen. Ich weiß nicht, ob die neuesten Schulen (Futurismus, Kubismus, Expressionismus, Simultanismus) die im Plakat verborgene gewaltige Ausdruckskraft und die zahllosen neu­5

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