Csaplár Ferenc szerk.: Lajos Kassák / Reklame und moderne Typografie (1999)

Das Plakat und die neue Malerei

en malerischen Möglichkeiten bemerkt haben, test steht jedoch, daß ihre Suche, auch wenn es eine in Etappen ist, dem freien, eigenwilligen Stil des Plakats entgegenstrebt. Noch nie hat es eine Malergeneration gegeben, die mit technischen Schwierigkeiten derart zu kämpfen gehabt hät­te wie die unsere. Es ist das Ringen des nach Freiheit stre­benden Individuums gegen den Determinismus. Diese revolutionäre Regung ist nur in ihren Dimensionen neu und in der Art, wie sie zugleich aus mehreren Richtun­gen in Erscheinung tritt; im übrigen hat es diese plötzlichen Eruptionen im Evolutionsprozeß der Kunst schon früher ge­geben. Sie waren damals nicht unbegründet und sind es auch jetzt nicht. Immer waren sie die Vorboten einer gewal­tigen Gesellschaftsreform, im ungünstigsten Falle deren or­ganischer Teil. Gab es sie in den Jahrhunderten des Chri­stentums, in der Epoche der Leibeigenschaft, so muß es sie erste recht in unserer Zeit geben, in dieser Zeit der freien Konkurrenz, der brennenden sozialen Probleme, des Stre­bens nach Welterlösung. Auch die Malerei braucht, wie die Philosophie, die Politik und die Technik, ihren Aufschwung, sie kann nicht im Gestern verharren, selbst wenn die Ver­gangenheit doppelt so viele große Meister hervorgebracht hätte. Die Maler wollen heute andere Dinge zum Ausdruck bringen, und damit werden andere Ausdrucksmittel nötig. Die glatte, ins Detail gehende Manier, wie wir sie von den meist religiösen Kunstwerken der alten Meister kennen, genügt heute nicht mehr, sie befindet sich nachgerade in Disharmonie zum anstehenden Themenkreis. In den riesigen Metropolen erleben wir das Jahrhundert der Technik und der Soziologie. Das mystische Forschen nach der Gottheit wurde von tausend anderen, brennende­ren, naheliegenderen Problemen überlagert, die Apotheose der stillen Dorfidyllen wurde in uns von den gierigen Au­genblickserlebnissen unseres modernen Nervensystems verdrängt. Statt uns in patriarchalischer Ergebenheit zu ver­lieren, taumeln wir im Sturm des Krieges, und wer in diesem Jahrhundert arbeitet, wer den Charakter dieses Jahrhun­derts wiedergeben will, der muß mit all seinen Nervenfa­sern, mit seinem Blut und mit seiner Arbeit ein Mensch sei­ner Zeit sein. Heute sind das am ehesten die Futuristen, Expressionis­ten und die übrigen „Verrückten"; unter den Einflüssen der Zeit streiten sie für einen bewußten Ausweg, ganz im Ge­gensatz zu den „Vernünftigen", die eine Leiter an das in sei­nem Innersten tote Klassische anlehnen. Wie unser Jahr­hundert die chaotische Mischung einer erneut nach Aus­gleich strebenden Gesellschaft darstellt, so sind die neuen Künstler die Primitiven der künftigen klassischen Malerei (nicht aber zu verwechseln mit den rückgratlosen Neoprimi­tiven, auch nicht mit Henri Rousseau, der ein genialer Auto­didakt sein mag, für die neue Malerei aber ohne Bedeutung ist). Allein bei den Negern und bei den klassischen Primiti­ven des 12. Jahrhunderts finden wir das Pendant für das heu­tige Suchen. Wie die Urprimitiven (wenngleich in kultivierterer, komp­lizierterer Form) leben wir heute wieder unter gottbeseelten Stammlern. Der Weltenwandel, der über die Menschen gekommen ist, verträgt keine zum Gesetz hochstilisierten Formen, der vom heißen Leben beseelte Künstler gibt sich, in Schweiß geraten, mit den vorhandenen Ausdrucksmitteln nicht zufrie­den. Daher die verständnislose Verwirrung in den Augen der Laien, und daher die manchmal tatsächlich übertriebene Manier, in die sich die Suchenden hineintreiben lassen. Am Wert ihrer Wahrheit allerdings ändert das alles nichts. Wie der Plakatkünstler sind auch sie in ihrem eigenen künstlerischen Kontext Kämpfer, Propheten und Menschen. Mit ihren Bildern wollen sie eine reinigende Macht in die Zeit katapultieren, mit ihrer Kunst sind sie die Richtungspfei­ler des kreißenden Jahrhunderts. Ihre Bilder sind kein Raum­schmuck mehr, immer wieder wollen sie als lebendige Fra­ge- und Ausrufezeichen vor der intellektuellen Menge ste­hen. (Damit unterwerfen wir uns jedoch den erwähnten Schulen nicht, sie sind nichts als Stufen zum großen Gan­zen, allein aus ihrer bewußten Begegung wird der wirkliche Wert geboren werden.) Der neue Maler ist ein moralisches Individuum, voller Glauben, voller Sehnsucht nach Einheit! Seine Bilder aber sind Waffen! Er verliert sich nicht im Ästhetisieren, Nuancen zählen nicht, wichtig ist allein das Wesen (in Thema und Ausfüh­rung), das in seiner essentiellen Großartigkeit immer eine le­bendige und offensive Einheit verkörpert. Die neue Malerei entsteht im Zeichen der Monumentali­tät, kontrolliert vom Verstand, und dient in ihrer Gesamtheit einem - verglichen mit dem heutigen - freudigeren Ziel! Ihr Charakter ist wie der des Plakats: individuelle De­monstration und freie Kraft. Von den smaragdenen Meeren, den cremefarbenen Bir­kenwäldern und den „nüchtern betrachteten" Wachsschen­keln sind wir bereits geheilt. Wir wissen, daß wir sind; unser Leben akzeptiert auch in der Kunst nur das Leben. Mit all unserer Sehnsucht wünschen wir: Wie das Plakat die moderne Stadt auf großartige Weise ergänzt, so möge das Bild Leben in unser Zimmer bringen, Leben, das außer­halb von uns existiert und alle industriellen Gegenstände bezwingt. Und wie die Plakate auf den bunten Litfaßsäulen in starrköpfiger, rebellischer Laune miteinander wetteifern, so mögen auch die Bilder in den muffigen, ermüdenden Ausstellungen in Wettstreit treten! MA [HEUTE] 1. JG. NR. 1 (15. Nov. 1916) S. 2-4 6

Next

/
Thumbnails
Contents