Déry Tibor: Különös árverés. Regények 1920–1942. Ein Fremder (Déry Archívum 4. Petőfi Irodalmi Múzeum és Kortárs Irodalmi Központ, Budapest, 1999)
nächsten Augenblick schon erklang seine Stimme unter dem Fenster, mit raschen Schritten lief er die Schienen entlang. Aber um Dr. Szerb ist die Welt plötzlich stumm geworden. Ohne Übergang - wie der Fisch, der für einen Augenblick zwischen den Wellen zum Vorschein kommt und plötzlich wieder verschwindet - tauchte er in das tiefe Wasser seiner Zerstreutheit unter, blieb faul zwischen den Gedanken stehen und spann weiter, was zu spinnen war. Es ist ihm, als ob erst jetzt, in diesem eigentümlichen Augenblick, da er nach neun Jahren zum erstenmal wieder auf ungarischem Boden mit Ungarn ungarisch spricht, es ist ihm, als ob er erst jetzt die große Veränderung, die ihm bevorstand, in ihrer Gänze begreifen, als ob er erst jetzt verstehen würde, was sich mit ihm zugetragen hat ... ungläubig, erstaunt hält er in seinem Herzen Umschau. Dr. Ludwig Szcrb ist zurzeit, im Jahre 1927, 29 Jahre alt, in Temesvár geboren, römisch-katholisch. Nach Beendigung seiner Universitätsstudien, im Jahre 1914 ist er auf einen Monat nach Frankreich gefahren und fünf Jahre dort geblieben; der Ausbruch des Krieges hat ihn in Toulon überrascht, wo ihn die Franzosen internierten. Er hätte sich noch über die Grenze nach Spanien retten können, aber im Augenblick, da er in den letzten Zug einsteigen wollte, nahm er gewahr, daß er das halbfertige Manuskript eines selbstverfaßten Gedichtes im Hotel Admiral vergessen hatte. Er kehrte vom Bahnhof in das Hotel zurück, stöberte das Manuskript auf, setzte sich auf die Hotelterrasse, trank einen Bock und meldete sich nächsten Tag bei den Behörden, die ihm kurzerhand auf eine kahle felsige Insel im Aüantischen Ozean verschickten. Hier verbrachte er vier Jahre, in Kasernenzimmem, hinter Drahtgittern. Das Gedicht hat er bis heute nicht beendet. Auf der kahlen felsigen Insel schien die Sonne ebenso heiß wie jetzt, Ende Juni, nachmittags drei Uhr, in Ungarn, zwischen Székesfehérvár und Budapest. Qu ahnender Lokomotivenrauch war allerdings nie zu sehen, höchstens hie und da einige grauen Wolken, die der Kamin der Postschiffes über sich schleppte. Dr. Szerb, auf dem leeren Ufer der Insel sitzend, betrachtete so lange das leere Meer, bis er sich eines Tages dabei ertappte, daß die graue Unendlichkeit auch in sein Herz eingezogen war, daß dieses mit einem Wort langsam ebenso leer war wie der graue Horizont. Nach Ablauf des zweiten Jahres brach er die Korrespondenz mit seinen Freunden ab. Im dritten Jahr vergaß er seine Muttersprache. Im vierten vertrocknete bereits das Andenken seiner Mutter dermaßen, daß er sich kaum mehr an die Farbe ihrer Augen erinnerte. Hätte ihn jemand gebeten, sie zu beschreiben, er hätte kaum mehr aussagen können, als daß sie einen alten Kopf wie ein Vogel habe und den ganzen Tag in Hausschuhen herumschlürfe. Aber es bat ihn niemand, sie zu beschreiben.