Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: Symbiose und distanz

ILONA SÁRMÁNY-PARSONS: SYMBIOSE UND DISTANZ. BEZIEHUNGEN ZWISCHEN UNGARN UND ÖSTERREICH IN DER BILDENDEN KUNST ZUR ZEIT DES DUALISMUS Wien und das künstlerische Leben der Stadt galten etwa ab Anfang des 18. Jahrhunderts bei den ungarischen Auf­traggebern und Künstlern als richtungsweisend. Führende Persönlichkeiten der Kirche, Aristokraten und in geringe­rem Maße auch das Bürgertum der Städte holten Künstler nach Ungarn, um von ihnen barocke Kirchen und Schlösser entwerfen zu lassen. Die nach Ungarn berufenen italienischen, späterzunehmend österreichischen Meister folgten dem barocken Ideal des Gesamtkunstwerkes, wodurch diese Gebäude in dem eher ärmlichen und bescheidenen visuellen Umfeld einen neuen Geist und ein neues Weltbild symbolisierten. Darüber hinaus inspirierten sie die fol­genden Generationen zu einer Entfaltung der „Kultur der Sinne", sich selbst dem Mäzenatentum zu verschreiben oder eventuell auch eine künstlerische Laufbahn einzuschlagen.. Viele führende Vertreter des ungarischen Adels, die der Ungarischen Leibgarde am Kaiserhof angehörten, eigneten sich in Wien die ästhetische Kultur während der Jahrzehnte der Aufklärung an, ihr Geschmack verfeinerte sich durch die Werke, die dort zu sehen waren. Im Klassizismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die Elite des ungarischen Reformzeitalters, die sensibel für künstlerische Fragen war, den aktuellen Stil in erster Linie durch einen österreichischen Filter zu betrachten. Durch ihre Kenntnisse inspirierte sie neue Künstlergruppen, führte die Kunst in Ungarn zu einer neuen Blüte und stellte diese zunehmend in den Dienst einer nationalen Identitätsfindung. Dieser Prozess vollzog sich jedoch nur langsam. Die meisten bedeutenden Porträtmaler waren sogar in den I 840er Jahren noch Österreicher; so stammt etwa das repräsentative Porträt des Grafen István Széchenyi von dem Wiener Maler Friedrich von Amerling. Auch zahlreiche Architekten kamen entweder aus Wien oder hatten zumindest in der Kaiser­stadt studiert. Von den führenden Meistern der zweiten Hälfte des I 9. Jahrhunderts hatten sich beispielsweise Miklós Ybl oder aber auch Antal Weber ihre herausragenden fachlichen Kenntnisse im Wien des Vormärz angeeignet.1 Die erste bedeutende Welle von begabten ungarischen Künstlern, die zu einer eigenen Generation heranreiften, brachte das Jahrzehnt nach der Niederschlagung des Freiheitskampfes 1849 hervor, womit personelle Vorausset­zungen für die sich zunehmend schneller entfaltende Bautätigkeit und künstlerische Entwicklung geschaffen wurden. 75

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