Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Wien-brevier - Dezső Kosztolányi: Rilke. (er und die dinge)

DEZSŐ KOSZTOLÁNYI: RILKE. (ER UND DIE DINGE) AUSZUG (...) Vor uns liegt eine Welt der selbstlosen Hingabe und Demut, die auch demjenigen noch sonderbar anmutet, der die Gefühlswelt und das Denken der neuen Wiener Lyriker kennt und damit rechnet, dass Österreich und vor allem Wien heute in der Weltpoesie mehr bedeutet als selbst Paris, London oder ganz Deutschland zusammenge­nommen. Hier ist eine besondere Differenziertheit zustande gekommen. Wir wissen nicht, wie und warum das geschehen konnte, in den letzten Jahrzehnten hat sich in Wien, in dieser kulturell italienisch geprägten und von Italienern gebauten Stadt der Musik, die Essenz der Gefühle wunderbar verfeinert... Sie alle suchen nach einer besonderen Metaphysik. Nach einer Metaphysik, die zugleich weniger und mehr ist als fachkundige Philosophie, mit schweren Gedanken tanzt und Worte zu Musik veredelt. Hier werden Gedanken als Musik gespürt und nicht als Problem, und Probleme, die der Philosophie so nah und sofern stehen, dass sie Strophen werden möchten... Die Wiener Lyrik ist nur ein Verweis auf etwas Höheres, eine nach oben strebende Geste, ein Wort, das in unbekann­te Mystik hineinruft und die Verwunderung eines Menschen erklärt, eines besonderen Menschen, eines ganz be­sonderen Menschen in einer ganz besonderen seelischen Situation, eine irritierende Sekunde dieses Menschen, die halb bewusste, halb unbewusste Stimmung dieser Sekunde, die auszusprechen nahezu todesmutig, unmöglich und eine Versuchung Gottes ist; sie hält die Verwunderung dieser Stimmung fest, den seelischen Schock, das Zurück­schrecken, eisige Erstarren und Zittern. Wenn ich mich nicht vor Missverständnissen fürchten würde, dann würde ich sagen, dass diese Lyrik trotz alledem auch danach strebt, nicht aktuell zu sein. Wie alles nicht aktuell ist, das wirklichen Wert besitzt. Das Ewige ist das Sujet der Dichtung. Alles darunter ist Prosa. Mit dieser Denkweise ant­worteten die Wiener Lyriker auch den Gegnern der Poesie, die die Berechtigung formgebundener Sprache in Frage stellen, weil sie darauf aufmerksam machen, dass kein Gedicht Existenzberechtigung hat, das Dinge sagt, die sich auch in Prosa sagen lassen, denn genau da beginnt ja die Dichtung, wo die Instrumente von Sprache und kla­rem Ausdruck uns im Stich lassen und stotternde Worte kosmische Bedeutung gewinnen. Anders gesagt: die idea­listische Philosophie des 19. Jahrhunderts zirkuliert im Blut der heutigen Lyriker aus Wien. Es wäre sträflich, hier von Wiener Gemütlichkeit und Leichtblütigkeit zu schwätzen. Genauso sträflich und borniert bezeichnen die Wiener in schlechten Stunden die ungarische Lyrik als Paprikapoesie. 227

Next

/
Thumbnails
Contents