Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Wien-brevier - Dezső Kosztolányi: Rilke. (er und die dinge)

Wo aber ist der Ort Rilkes in dieser sehr sonderbaren Welt? Es wäre fatal, dies zu definieren. Vollblütige, gesunde und überernährte Menschen wird es auf den Gipfeln seiner Berge schwindlig, so dünn ist hier die Luft, und das Auge sieht nichts als Leere, farblose Landschaft, Konturen von Formen und Figuren, der Leser versteht sein Pathos nicht. Diese mit nichts vergleichbare Entrücktheit mit versagender Stimme, die Weise, mit der Rilke auf slawische und sklavische Art außer sich ist. In seinem Türbogen hat der Lyriker das denkwürdige Wort eingeschrieben, dass wir, egal was wir auch tun mögen, nur auf der Erde bleiben, und wie immer wir uns verwandeln mögen, wir bleiben Menschen. Er lebt und schreibt gegen die Ewigkeit. Daher das fortwährende Staunen, das Gebet, das Starren, das Leid und die schwermütige Trau­er in seinem Gesicht. Alles wird von ihm abergläubisch verehrt, was ihm fremd ist. Der Anblick der Welt treibt ihn zum Gebet. Zum reinsten Gebet um seiner selbst willen, er weiß nicht, warum es lebendig wird und wohin es stolpert, wenn es unsere Lippen verlässt. Woran sollen wir uns klammern? Wir müssen uns im anderen finden. Denn wir sind nur ein fortwährender Prozess, Ergebnis auf uns einwirkender Kräfte, der angeschlagene Ton eines Liedes, der gerade jetzt aufklingt und dann verstummt, oder immer stärker wird und gänzlich anders, neu, vielleicht schöner und vollkommener als der jetzige, aber anders, und das, was wir in dieser Sekunde für unverlierbar halten, unsere Individualität, was in unserem Bewusstsein in allen Augenblicken unseres Lebens ewig fest und unzerstörbar lebt, ist schon im nächsten Moment für immer und ewig verloren. Manchmal können wir im Auge und in der Seele eines fremden Menschen Anker setzen. Oder besser noch in den Dingen. Das sind die Ruhepunkte unseres stets entgleitenden Lebens. Hier liegt das einzig Unbewegliche und Verlässliche, auf das wir in unserm blinden Weiterei­len zur Orientierung blicken können, wie der Reisende im Zugfenster auf die vorbeihuschenden Telegrafenmasten. Wir sind in Bewegung, sie bewegen sich nicht. Sie bewegen sich nicht, sie bleiben, sie gehören mit ihrem ganzen Dasein uns. Vielfach beerdigen wir uns in ihnen und warten in ihnen auf Wiederauferstehung. Das Ding ist das „Nicht-Ich“, mit dem wir unbewusst millionenfach verbunden sind und von dem wir uns nicht losreißen können. Welches Ding ist nicht wichtig? In allen steckt unsere Spur, die sie uns zu Freunden machten, da ist das ängstliche Streifen unserer Blicke, die Tränenspur und das Fieber unseres Verlangens, mit dem wir sie in Liebe für ewig an uns binden und jetzt, ob wir wollen oder nicht, sind wir 228

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