Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)
Studien - István Fried: Ungarische schriftsteller in Wien
Sándor Márai erinnert an das Wien und seine Literatur vor dem Krieg, in seinen Exil-Tagebüchern kommt er immer wieder auf die Künstlerstadt seiner Verwandten zurück. In dem Roman Die Glut lässt er - vielleicht nicht ganz unabhängig von Musils Roman - das Wien der Kadettenschule auferstehen. In seiner Vision des Zerfalls erkennen wir auch die Visionen Rilkes und Hofmannsthals. Dass Wien, die Geschichte der Stadt und ihre Kuriositäten Romangegenstände sein können, das zeigten auch Mór Jókai (Rákóczy fia - Der Sohn Rákóczys) und Kálmán Mikszáth (Akii Miklós - Miklós Akii). Inwiefern die Literatur der Gruppe Jung-Wien den weltliterarischen Horizont der ungarischen Autoren erweiterte, belegen die Übersetzungen, die zwischen 1900 und 1918 in Tageszeitungen und Zeitschriften erschienen. Das Erbe der Monarchie ist aber auch im Alltag und in dessen Wortschatz von großer Bedeutung, wobei das Erbe der Monarchie-Romane an überraschenden Stellen aufzutauchen vermag. Der Mann ohne Eigenschaften handelt davon, auf wie viele verschiedene Arten die Persönlichkeit erscheinen kann. Wie vielfältig sie sich zeigt, da sie sein muss, wie man sie zu sehen wünscht. Márai, der den Roman gut kannte, schrieb 1941: „Ein Augenblick noch, und ich werde Folgendes: Schriftsteller, Journalist, steuerzahlendes soziales Subjekt, Staatsbürger, Diskussionsstoff, Ankläger und Angeklagter, Verachteter und Beneideter, Europäer, Mitglied verschiedener Vereine, in den Augen alter Kollegen ein ehrgeiziger junger Schriftsteller, der es mit viel Fleiß und Glück vielleicht noch zu etwas bringen kann, in den Augen junger Schriftsteller ein alter Schreiberling, ein verbitterter greiser Schriftsteller, der schon vollkommen leer ist, in den Augen zwanzigjähriger Frauen ein reifer Herr, den sie den Respekt gebührenden Altersunterschied zart spüren lassen, in den Augen vierzigjähriger Frauen ein junger Mann, an der Schwelle zu den »besten Jahren«, in den Augen meines Hauswirtes Hauptmieter, in den Augen meines Hausmeisters ein unordentlicher Kerl, der jeden Tag zu später Stunde nach Hause kommt ... all das bin ich, genauer gesagt werde ich sein, in einem Augenblick, wenn ich aufwache.“ Ob unser Autor hier nun von Musil inspiriert wurde oderauch nicht, die österreichische Literatur wurde zu einem Teil des ungarischen (welt)literarischen Bewusstseins. Eine ganze Reihe namhafter ungarischer Schriftsteller war in Wien, lebte dort längere oder kürzere Zeit. Doch noch mehr von ihnen hatten eine Vorstellung von Wien, von den Österreichern, und das ist spürbar, wenn man ihre Bücher aufschlägt. In der Zeit des Dualismus und danach gab es kaum einen ungarischen Schriftsteller, in dessen Lebenswerk die „Erinnerung“ an die österreichische Literatur und Kultur nicht zu entdecken wäre, denn als Übersetzer, als Rezensenten oder Journalisten sprach sie all das an, was in jener Literatur geschah, mit der sie bis 1918 gemeinsam in einem Reich lebten und mit der sie die späte Nachwelt aufgrund häufiger paralleler Bestrebungen in eine literarische Region einordnet. 130