Török Dalma (szerk.): Mantel der Traume. Ungarische Schriftsteller erleben Wien, 1873-1936 (Budapest, 2011)

Studien - Ilona Sármány-Parsons: ein begeisterter wiener mit ungarischer identität

ILONA SARMANY-PARSONS: LUDWIG HEVESI (184 3 -1910) EIN BEGEISTERTER WIENER MIT UNGARISCHER IDENTITÄT Am späten Abend des letzten Sonntags im Februar 1910 in einer eleganten Wohnung der Wiener Wahlfischgasse, die mit Büchern und Stichen überfüllt war, schoss sich ein alter Herr eine Kugel in den Kopf. Schon am nächsten Morgen suchten zahlreiche Zeitungen in ihren Nachrufen den Grund für die tragische Entscheidung, warum Ludwig Hevesi, dieser angesehene Kunstkritiker der Kaiserstadt, der bescheiden und allein lebte, zur Pistole gegriffen hatte. Seine Freunde einigten sich schließlich darauf, dass es wohl seine immer schlimmer werdende und vor vielen geheim gehaltene Krankheit (wahrscheinlich Magenkrebs) gewesen war, die Depressionen verursacht hatte, dass er die quä­lenden, schubartig auftretenden Schmerzen nicht mehr ertragen konnte. Die Nekrologe konstatierten mit einiger Überraschung, dass Ludwig Hevesi ein wahrhaftiger Ungar und auch nach seinem Pass ungarischer Staatsbürger war, denn alle glaubten, er wäre ein tief verwurzelter Wiener. Seine Theater­kritiken und Feuilletonartikel waren wöchentlich über fünfunddreißig Jahre hinweg im Fremdenblatt zu lesen, und er ist es gewesen, der großen Anteil daran hatte, das für Kunstentwicklungen offene Wiener Publikum für den neuen Wiener Stil, die Sezession, zu gewinnen. In den Budapester Tages- und Wochenzeitungen erschienen viel weniger Erinnerungen an ihn. Die meisten davon würdigten die erste Phase seines Schaffens, die Jahre zwischen I 866 und I 875, die er in Pest verbracht hatte, als er nicht nur Mitarbeiter des Pester Lloyd gewesen war, sondern auch einer der Gründer und Redakteure der Zeitung Borsszem Jankó, darüber hinaus zwischen I 871 und I 874 Herausgeber und Chefredakteur der Kinderzeitung Kleine Leute. Auch ungarisch hatte er viel geschrieben: Feuilletonartikel, Glossen, Reiseberichte - für die Vasárnapi Újság [Sonntagszeitung], Fővárosi Lapok [Hauptstadtblätter] und Ország-Világ [Land und Welt] -, außerdem verfasste er den ersten Reiseführer für die vereinigte Hauptstadt, der 1873 zugleich in zwei Sprachen herausgegeben wurde, ungarisch und deutsch.1 In den Gedenkschriften wird für die weniger Informierten festgehalten, dass der Chronist der Wiener Sezession wirklich mit dem damals außergewöhnlich beliebten und bekannten Autor des JugendbuchesJelky András Kalandjai [Die Abenteuer des András Jelky] identisch ist. Doch das immer wiederkehrende Hauptmotiv der 131

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