Schultheisz Emil: Traditio Renovata. Tanulmányok a középkor és a reneszánsz orvostudományáról / Orvostörténeti Közlemények – Supplementum 21. (Budapest, 1997)
8. Colçodéi seu liber de peste des Bartholomaçus Squarcialupis de Plumbino
56 den anderen infizieren könne. Es folgt die Beschreibung der Pest in Florenz. Die lebendige Schilderung läßt den Augenzeugen erkennen. Kapitel 11 spricht über die Bedeutung des ,,tiriaca Andromaxia fermentata ... in cura et preservatione morbi pestiferi". Dabei beruft er sich des öfteren auf die Autorität des Avicenna und Galen. Kapitel 12 gibt einige diagnostische Winke und prognostische Bemerkungen zur Uroskopie. Beachtenswert ist die Beschreibung de akuten Anurie in einigen Fällen schon gleich nach Krankheitsbeginn. Diese sei immer tödlich. Auch stellt er eine ungünstige Prognose bei „Schwarzwasser" auf. Die turbiditas urinae dagegen kann sich aufklären, und dann ist der Kranke auf dem besten Wege zur völligen Genesung. In diesem Abschnitt finden sich einige sehr treffende differentialdiagnostische Ausführungen gegenüber der Ruhr. Das Wesen der Pest, schreibt Meister Bartolo im 14. Kapitel, ist letzten Endes ebenso unbekannt wie das der putridén Fieber. Hier zieht er Parallelen zwischen der Pest und der febris putrida. Bei der Beschreibung letzterer bedient er sich des Werkes des ältesten der namhaft gewordene Meister und Schriftsteller der medizinischen Schule von Salerno Gariopontus („Garipontus medicus") 1 4. Es wird hier auf die entsprechenden Abschnitte des Passionarius hingewiesen. Und nun kommt Kapitel 15, welches den Gedanken der heute als so bedeutungsvoll erkannten Prophylaxe entfaltet. Kaum findet sich noch eine Stelle im spätmittelalterlichen medizinischen Schrifttum, wo die große Bedeutung der Vorbeugung so klar und eindrucksvoll erscheint, wie in diesem Manuskript des Bartholus de Plumbino. Der Gedankengang ist folgender: Das Wesen der Krankheit ist nicht faßbar, obzwar die Kontagiosität erkannt war; die ,,causa aegritudinis '' bleibt unbekannt. Demnach sei die Prevention die wichtigste Aufgabe, denn die Behandlung wäre nicht ausreichend, zumal ,,tempus curationis non est certum" (fol. 20B). Aber es handelt sich hier nicht einfach um ein Sich-Fernhalten vom Kontagium, wie dies bei anderen mittelalterlichen Autoren zu lesen ist 1 5. Unser Autor betont die Bedeutung der Prophylaxe im allgemeinen, nicht nur bei Krankheiten unbekannter Atiologie, da Verhütung und Vorbeugung die einzige sichere Möglichkeit zur Erhaltung der Gesundheit ist. In den Kapiteln 19—25 werden wieder ätiologisch-prognostische Probleme besprochen. Zurückkehrend auf das Problem der Ursache der Pest wird hier eine Auffassung geäußert, die im Sinne der modernen Relationspathologie zu deuten ist 1 6. Der Verlauf dre Krankheit kann nicht einfach auf eine ,,malicia hominum" zurückgeführt werden, schreibt der Autor, sondern wird von Milieu-Faktoren (,,dispositio loci", fol 24a) modifiziert, wie das schon Arñų đųs da Villanova in seinem Speculum medicinae beschrieben hat. Die geographische Lage beeinflußt den Körperbau und die Reaktionsweise und -Fähigkeit würde man heute sagen: , f ern varie regiones haben varias complexiones ut patet de ethiopibus et sclavis quia quasi disparatas habeant complexiones 1 7 (fol. 30b). Die Prognosestellung bei der Pest ist recht schwierig. Und wenn schon die Ärzte, die ja mit den Krankheiten vertraut sind, kein 1 4 Gariopontus starb vor dem Jahre 1059. Sein Passionarius ist eine Compilation aus den antiken Klassikern. 1 5 Vgl. E. Schultheisz: Geomedizin und Badehygiene in den Werken des Albicus. Zschr. Bäder- u. Klimahk. (In diesem Band). 1 6 Siehe dazu die Relationspathologie von Tendeloo. 1 7 Ähnliche Auffassungen äußert Albicus, ein anderer Arzt des Königs Sigmund. Vgl. E. Schultheisz: Ein spätmittelalterliches Handschriftenfragment. Communicationes ex Bibliotheca Históriça Mediça Hungarica Nr. 18.