Schultheisz Emil: Traditio Renovata. Tanulmányok a középkor és a reneszánsz orvostudományáról / Orvostörténeti Közlemények – Supplementum 21. (Budapest, 1997)
5. Über die Werke des Albicus. Ein Beitrag zur spätmittelalterlichen medizinischen Hand-schriftenkunde
34 eigenen Beobachtungen und Erfahrungen, was er auch selber immer betont. Das bedeutet natürlich nicht, dass er Autoritäten nicht zitieren würde. Das gründliche Studium der medizinischen Literatur ist ja ein sine qua non aller wissenschaftlich-literarischen Tätigkeit. Der viel gereiste, mit fremden Völker öfters in Berührung gekommene Meister erkennt die Bedeutung der geographisch-ethnologischen Eigenheiten, der nationalen Sitten bei der Entstehung, bei dem Verlauf und der Heilung der Krankheiten. Es finden sich des Öfteren in seinen Werken Gegenüberstellungen betreffen den Krankheitsverlauf bei den verschiedenen Völker, so z.B. bei den bohemi und italici. Geomedizinische und bioklimatologische Betrachtungen kommen häufig vor. Im allgemeinen ist auch unser Meister ein Representant der mittelalterlichen Form der Humoralpathologie. Allerdings ist seine pathologische Auffassung nicht einseitig, im Gegenteil! Die Hinweise auf die Zusammenhänge der Humores und der Complexiones mit den geographisch-klimatologischen Verhältnissen, mit der Diät, Arbeit und mit dem Milieu und Lebensgewohnheiten sind ganz im Sinne der modernen Relationspathologie zu deuten. Auffallend viel beschäftigt er sich mit der Bedeutung psychischer Einflüsse. Neben der richtigen Diät, der mässigen Körperbewegung, der entsprechenden Arbeit wird von ihm besonders die vorbeugende bzw. heilende Wirkung des heiteren Gemüts gegenüber der übermässigen medikamentösen Behandlung hervorgehoben. Die massvolle Anwendung des Aderlasses, die wiederholte Betonung der schädlichen Folgen überflüssigen Blutabzapfens zeugt von der nüchternen Denkungsart und grossen Erfahrung Albici auch auf diesem Gebiete. In dieser Beziehung war er gewiss ein Vorläufer des Paracelsus, wie das schon Diepgen bemerkt hat 7 Gegenüber der Alchemie ist er noch skeptischer als Arnoldųs von Villanova, den er übrigens als den „erfahrensten Arzt" rühmt. (Kein anderer Autor des Mittelalters wird von Albicus gepriesen!) Im allgemeinen ist Albicus eher ein Anhänger der „natürlichen Heilverfahren". Mehr als mit der Pathologie beschäftigt sich Albicus mit der Vorbeugung der Krankheiten. Sowohl in den Regimina, wie auch in den Consilia, aber auch in den Pestschriften wird der Prophylaxe die grösste Bedeutung beigemessen. In dieser Beziehung lassen sich gewisse Ähnlichkeiten mit der Auffassung des Bartholomaçus Squarcialupis de Plumbino feststellen, der ein Vorkämpfer der prophylaktischen Massnahmen war 8. Der Meister Albicus war also ein wohlgebildeter Arzt, hatte einen schwungvollen Stil. Die lebhafte, temperamentvolle Darstellung seiner Ansichten wird noch verstärkt durch die Einstreuung volkstümlicher, derber Ausdrücke in deutscher Sprache. Man wird daran erinnert, dass auch bei Arnald von Villanova eine im Gegensatze zu seiner umfangreichen Bildung auffallende Roheit des Stils als eigenartig von Diepgen hervorgehoben wurde 9 In der Universitätsbibliothek in Budapest bin ich vor Kurzem wieder auf eine unbekannte Albicus-Handschrift gestossen (Cod. Lat. No. 65). Bei der Bearbeitung dieses Manuskriptes habe ich den Mangel eines Verzeichnises der Werke des Albicus recht störend empfunden. Das hat mich veranlasst, eine kritische Zusammenstellung der Werke des Albicus vorzulegen. Da ich der Überzeugung bin, dass zum besseren Verständnis der Medizin des ausgehenden Mittelalters das Studium der Werke des Albicus unerlässlich ist, scheint solch ein Verzeichnis seiner Werke von allgemeiner Interesse zu sein. 7 Diepgen, P.: Geschichte der Medizin, 1949—1955. Bd. I. 275. 8 Schultheisz, E. : Colçodéi seu Uber de peste des Bartholomaeus Squarcialupis de Plombino Sudhoffs Archiv, 1960, im Druck. 9 Diepgen, P.: Archiv f. Gesch. d. Med. 8d. h. 1909. 123.