Kapronczay Károly szerk.: Orvostörténeti Közlemények 194-195. (Budapest, 2006)

TANULMÁNYOK — ARTICLES - NEMES, Csaba: Beiträge zur Wechselbeziehung der deutschen und ungarischen Heilkunde im historischen Kontext

1861 sein klassisches Werk: Die Aeliologie, der Begriff und die Prophylaxe des Kindbettfiebers herausgab, werden davon kaum einige Exemplare verkauft. Als Semmelweis mit seinen statistischen Untersuchungen an der I. Wiener Geburtsklinik 1846 beginnt, stirbt jede fünfte Gebärende am Kindbettfieber. Kein Wunder, daß die Frauen lieber zu Hause entbinden; selbst die Straßengeburten erweisen sich ungefährlicher. Sträflich hatte man die einfachsten Hygienemaßnahmen vernachlässigt. Statt dessen haben die Professoren der Geburtshilfe 31 Hypothesen für die Entstehung dieser Krankenhausinfektion fabriziert; den Anspruch loseren genügten hiervon schon fünf. Semmelweis verwarf alle diesen Theorien und bewies, daß die Autoinfektion durch das Leichengift oder das eitrige Exsudat der Gebärmutter auf den Händen der Medizinstudenten und Ärzte die Ursache des massenhaften Todes sind. Medizinstudenten und Ärzte führten morgens erst die Leichenöffnung aus, ehe sie die Gebärenden untersuchten. Nach Einführung der rigorosen Händedesinfektion ging die mütterliche Sterblichkeit von 18 auf 1,8% zurück. Dies bedeutete an sich eine Weltsensation, wußte man doch noch nichts über die pathogenen Mikroben und deren Rolle in der Infektionsübertragung. Semmelweis' Theorie hat sich erst nach seinem Tod bestätigt durch die Arbeiten von Pasteur, Lister (1867) und dem „Bazillenjäger" Robert Koch (1878). Nach Semmelweis' Tod werden noch 14 Jahre vergehen, bis Pasteur den Erreger des Kindbettfiebers, das Streptococcus haemolyticus entdecken wird. Da Semmelweis seine Entdeckung in Wien gemacht hatte, zunächst nichts veröffentlichte und seine Thesen in Vorträgen nur auf Drängen Skodas und Rokitanskys bekanntgab"', hielt die Wiener Medizinhistorikerin Erna Lesky (191 1-1986) die Prophylaxe des Kindbettfiebers als Gesamtleistung der Wiener Medizinischen Schule. Dies ist jedoch im Spiegel der Akten und Analyse der Akzeptanz von Semmelweis' Thesen eine unhaltbare Schlußfolgerung. Abgesehen davon, daß Tibor Györy schon 1936 die ungarische Abstammung von Semmelweis bewiesen hatte. Die Angriffe auf Semmelweis begannen schon 1850 und setzten sich bis zu seinem Tod fort. Scanzoni in Würzburg, Seyfert in Prag, Braun in Wien, aber auch Virchow in Berlin zweifeln seine Thesen an. Die offenen Briefe an die leitenden Geburtshelfer Europas, zugegeben im harten, mitunter verletzenden Stil verfaßt, bewirken nichts. Semmelweis starb 47jährig, schon deutlich vorgealtert unter bis heute nicht ganz geklärten, ja mysteriösen Umständen in einem Wiener Irrenspital. Die Anerkennung seiner Arbeitshypothese, die Übernahme seiner Methode erfolgte erst später. Professor Alfred Hegar (1830-1914), Geburtshelfer in Freiburg, Vilmos Tauffer (1851-1934), der bedeutendste Gynäkologe Ungarns im 20. Jahrhundert, Veit in Bonn, Spiegelberg in Breslau, Schroeder in Erlangen, Simpson in Edinburgh und Guzzoni in Italien führen Semmelweis' Verfahren auf ihren Kliniken mit großem Erfolg ein. Die bis heute ungebrochene Popularität gehört dem spätem Ruhm dieses Forschers, dessen Statue 1950 in der Halle der Chirurgischen Akademie von Chicago unter den zehn größten Ärzten aller Zeiten und aller Völker aufgestellt wurde. Hätte man Semmelweis' Thesen über die Ursache und Vorbeugung des Kindbettfiebers schon zu seinen Lebzeiten anerkannt, so hätte dies Tausenden bis Abertausenden Müttern den sicheren Tod erspart. Aber es war einfacher, Semmelweis' Statistiken und seine Autorität, die evidenten Erfolge anzuweifeln, als die Händedesinfektion einzuführen. Zumal 1 Höchst wichtige Erfahrungen über die Actiologie der in Gebäranstalten epidemischen Puerperalfieber. Zschr. k. k. Ges. Aerzte Wien, 1847-48. Nr. 4, 242-244, 1849. Nr. 5, 64-65.

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