Kapronczay Károly szerk.: Orvostörténeti Közlemények 194-195. (Budapest, 2006)

TANULMÁNYOK — ARTICLES - NEMES, Csaba: Beiträge zur Wechselbeziehung der deutschen und ungarischen Heilkunde im historischen Kontext

diese Schuld, wenn sie einmal erkannt und zugegeben, kein Geburtshelfer hätte seelisch ertragen können. Nur ein einzig Gerechter fand sich in ihren Reihen: G. A. Michaelis, Professor der Geburtshilfe in Kiel, der nach Bekanntwerden von Semmelweis' Vorträgen (1847-48) von furchtbaren Gewissensnöten gepeinigt, sich das Leben nahm. Das 20. Jahrhundert Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts können wir eine Neuorientierung der ungarischen Mediziner nach Deutschland und den angelsächsischen Ländern beobachten. Allerdings blieben die Verbindungen zu der Wiener medizinischen Schule in der Psychoanalyse und -thérapie weiter bestehen. Sigmund Freud (1856-1939), ein Schüler von Charcot begann um 1900 die Rolle des Unterbewußten in der Entstehung und Verdrängung seelischer Konflikte im Kindesalter und die Psychopathologie des Alltagslebens zu untersuchen. Seine auf Traumdeutung (1900) und Psychoanalyse fußenden Methoden fanden im Kreis ungarischer Psychologen und Psychiater eifrige Anhänger, während sich andere Weggenossen wie Josef Breuer, Alfred Adler und Carl Gustav Jung von seiner Lehre allmählich distanzierten. Unter den namhaften Freudianer Ungarns sollen hier lediglich Sándor Ferenczi (1873-1933^1, Imre Herrmann (1889-1984) und im weiteren Kreis Lipót Szondi (1893-1986) erwähnt werden. Vor kurzem ist die jahrzehntelange Korrespondenz zwischen Freud und Ferenczi in 6 Bänden erschienen. Daraus geht hervor, daß Freud seine Thesen über die Bedeutung der Sexualmoral für die Zivilisation oft während gemeinsamer Spaziergänge mit Ferenczi entwickelt hatte. Seit 1988 wird das Gedächtnis dieses großen ungarischen Psychoanalytikers von der Ferenczi-Gesellschaft gepflegt. Herrmann leitete ab 1919 bis 1946 die Internationale Gesellschaft für Psychoanalyse als Sekretär, später als Präsident. Szondi befaßte sich in Zürich vor allem mit der Tiefenpsychologie und der Bedeutung der Rasse, der Gene und der Herkunft (des Stammbaumes) im Schicksal der Individuen. Sein Werk, die Schicksalsanalyse. Wahl in Liebe, Freundschaft, Beruf Krankheit und Tod (1944, 1965) rief, auch bei manchen Historikern (so bei Michael de Ferdinandy) ein ungewöhnlich starkes Echo hervor. Auch Szondi betonte die Rolle der Störungen von Sexualität und Triebleben in der Entstehung der Psychosen, maß jedoch den Genen, der Vererbung eine größere Bedeutung als Freud bei. In der Nervenheilkunde waren die neuroanatomischen Untersuchungen des in Wien geborenen Károly Schaffer (1864-1939), Schüler von K. Weigert und A-H. Forel über Hirnkrankheiten und den syphilitischen Rückenmarkschwund, die Tabes dorsalis so bedeutsam, daß sein Budapester Elisabeth-Siechenhaus mit der Poliklinik unter die internationalen akademischen Hirnforschungsinstitute eingereicht wurde. Als Kliniker erlangte er schon mit seinem ersten Werk Suggestion und Reflex (Jena, 1895) internationalen Ruf. Durch neurohistochemische Studien klärte Schaffer die Pathologie der Tay-Sachs'schen Krankheit auf (Über ein Fall von Tay-Sachs'scher amaurotischer Idiotie mit Befund, Wiener klin. Rundschau, 1902) und hielt in seinen anatomisch-klinischen Vorträgen die Lokalisation der zwei Formen der Neurosyphilis auseinander, die Paralysis progressiva in das Großhirn und die Tabes in das Rückenmark (Geber Tabes und Paralyse, Jena, 1901). Lange Jahre hindurch war er Herausgeber der Berliner Schriftenreihe Hirnpathologische Beiträge.

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