Varga Benedek szerk.: Orvostörténeti közlemények 149-157. (Budapest, 1996)
KRITIKÁK / REVIEW ESSAYS - Schultheisz Emil: Bildende Kunst und Medizinhistoriographie. Überlegungen zu dem Buch von Mária Vida: Kunst und Medizin in historischen Ungarn
Wirklichkeit. Aus naheliegenden Gründen sind Votive mit Krankheitsdarstellungen ungemein zahlreich. Sie haben sich bis heute in katholischen Ländern erhalten. Die Betrachtung der Votivbilder öffnet dem Medizinhistoriker einen Weg zum stummen Patienten vergangener Tage. Für Medizinhistoriker von besonderem Interesse dürfte das Kapitel über Europas grosse Seuchen sein. Die grossen Epidemien hatten auch Ungarn nicht verschont. Die europäische Geschichte der asiatischen Wanderplagen kann an der ungarischen Nation nicht vorbeigehen. Im geschichtlichen Gange der europäischen Anstregungen, die grossen epidemischen Leiden auf ihren Landwegen aus dem Osten und dem Süden zu hemmen, abzuwehren, steht das Land Ungarn infolge seiner geographischen Lage als Bollwerk da. Das klinische Bild der Pest, Lepra und anderen Seuchen in den Kunstwerken des mittelalterlich- neuzeitlichen Ungarns werden im Konzept einer gesamteuropäischen Kultur geschildert, wie dies auch in anderen Kapiteln eigentlich vorgenommen wird. Zwar steht die künstlerische Darstellung der grossen Epidemien in der Tradition der konventionellen Medizingeschichte, wird die kunstgeschichtliche Betrachtung der Kunstwerke über diese Seuchen vom Kontext nicht losgelöst. Kunst erinnert an vergangene Realitäten. Kunst ist aber stets über empirische Darstellung hinaus gleichzeitig auch ideelle Deutung, die in keiner Wirklichkeit aufgehen muss sondern eine Vielfalt in Deutungen, Theorien der Epoche übermittelt, die weit über das Buchwissen Einblick in die Welt der von Seuchen heimgesuchten Menschen erlaubt. Hier treten sich wieder Medizin — Kunst — und Sozialgeschichte näher. Kunst- Sozial- und Medizingeschichte ergeben letzten Endes eine Kulturgeschichte der Epidemien und ihrer Folgen. Die Seuchen sind nicht ohne Zutun des Menschen entstanden. Sie verbreiten sich durch Handel und Reisen, vor allem aber durch Kriege. Dies alles wiederspiegelt sich in den Kunstwerken die meistens nach den Seuchengängen entstanden sind. ,,Von Pest, Hunger und Krieg erlöse uns o Herr ..." mit diesem alten Gebetsruf ist klar ausgesprochen, dass für unsere Vorfahren ein Seuchenzug ebenso verheerend sein konnte, wie ein Kriegszug. Heute wissen wir, dass der Schwarze Tod noch verheerender war. Die Pest und ihre folgen, ihre Bekämpfung ist deshalb ein Thema, das den Allgemeinhistoriker wie den Medizin- und Kunsthistoriker angeht. Wenn auch der Stellenwert der Pest in der europäischen Geschichte kontrovers gewertet wird, bleibt unbestritten, dass die Pest neben demografischen, wirtschaftlichen, sozialen Konsequenzen auch erhäbliche kulturgeschichtliche Veränderungen nach sich gezogen haben muss. Die Einflussnahme der Pest auf die Kunst, die Reaktionen der unterschiedlichen Kunstgattungen, allen voran der Malerei, werden hier recht informativ aufgezeigt. Die Kunstproduktion unterliegt Veränderungen durch die schwer zu objektivierenden religiöspsychologischen Auswirkungen der Seuchengänge, in erster Linie der Pest. Die Pest als religiöses Erlebnis fiel für die Betroffenen nicht minder ins Gewicht als die direkten Konsequenzen der Krankheit. In den formalen und inhaltlichen Veränderungen der Sakralkunst des Spätmittelalters welche das ergebnis einer langen Entwicklung über Jahrhunderte sind, die das Christenum den dürfnissen der Laien öffnete, spiegelte sich nicht nur eine Verschiebung der Geisteshaltung des Mittelalters, sondern auch der psychologische Einfluss der Auswirkungen der Pestepidemien. Sie ist die geistesgeschichtliche Grundlage der geradezu brutalrealistischen Gestaltung der Leiden Christi, der Gnadenbilder der die Passionsfrömmigkeit, die in Pestzeiten noch ausgeprägter Sinn und Deutung der eigenen Leiden durch compassio mit Chris-