Varga Benedek szerk.: Orvostörténeti közlemények 149-157. (Budapest, 1996)

KRITIKÁK / REVIEW ESSAYS - Schultheisz Emil: Bildende Kunst und Medizinhistoriographie. Überlegungen zu dem Buch von Mária Vida: Kunst und Medizin in historischen Ungarn

gut. Es ist daher durchaus vorstellbar, dass die frühen Modelle dem Unterricht von Chirur­gen, Geburtshelfer oder Hebammen dienten, wenngleich die graphischen Werke der Zeit schon wesentlich differenziertere Einblicke in die Anatomie der schwangeren Frauen vermit­teln. Die Vermutung der Autorin, das Modell diene auch zur Orientierung von wohlhaben­den Patientinnen ist nicht von der Hand zuweisen. Der Gedanke ist einleuchtend, da das Mi­niaturformat für praktische Übungen — etwa zur gründlichen Handhabung von Kunstgriffen kaum geeignet ist. Nähere Kenntnisse der Funktion dieser eher kuriosen Modelle würde vielleicht Einblicke in gewisse Gebräuche sozial höher gestellten schwangeren Frauen ge­statten . Einige mittelalterliche chirurgische und geburtshsilfliche Eingriffe werden anhand von Miniaturen einer Abulcasis-Handschrift präsentiert (um 1300, Univ.Bibl. Budapest). Die Darstellung einer Entbindungs-Benediktion stammt aus dem Kodex Pray (Ende 13. Jh., ent­hält das älteste ungarische Sprachdenkmal; Ung. Nationalbibliothek). Auf das Verhältnis Bild-Text bzw. Textkommentierung wird hier verständlicherweise nicht näher eingegangen. Die bei weitem nicht ausgeschöpfte Problematik Bild und Text medizinischer wie auch nicht ausschliesslich medizinischer Kodizes, vorwiegend des Früh- und Hochmittelalters ist von ganz besonderem Interesse. Die Frage der Text-Bild-Relationen, mitbestimmend auch für die spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Rezeption eines Werkes, ist in der Medizin­geschichte nicht genügend erforscht, wenn auch einige diesbezügliche Monographien nicht hoch genug einzuschätzen sind (L. McKinley 1965; P. Jones 1984). Nur zum Beispiel möchte ich auf die Veroneser Anticlaudianus-Ylanàschnft (Mitte 13. Jh.) des Alanus ab Insu­lts hinweisen. Deren Untersuchung hat gezeigt, dass die Anticlaudianus-Tafeln jeweils in en­ger Sinnrelation zu den umgebenden Texten und Bildern stehen. Nach einer kommentierten und illustrierten Apokalypse folgen anatomische und medizinische Texte (cf. Christel Meier: Rezeption des Anticlaudianus Alans von Lille, 1980). Der Anticlaudianus, wie viele andere nicht primär medizinische Handschriften auch, wird von der Medizingeschichte nichteinmal partiell erfasst. Wenn es in diesem Werk ,,nur" um Dichtungstext handelt, der Anticlaudianus des Doctoris Universalis beweist, dass der Aufstieg des Menschen durch die Wissenschaft die zentrale Aussage der Dichtung bildet, hinter der das übrige ganz zurücktritt. Die Lehrszenen und die dominanten Bilder sind von grosser medizinhistorischer Bedeutung. Also wäre die Bild-Text-Kommentierung aus diesem Blickpunkt eine grössere eigene Untersuchung wert. Da ist noch die Frage der Eingangsmi­niaturen. Ihre Sinngebung von medizin- und kunsthistorischer sowie philologischer Seite ge­meinsam zu analysieren wäre lohnend. Ihre Erforschung ist für die Medizingeschichte weit­hin noch ungenügend. Im breiten Spektrum der von der Autorin kunsthistorisch- medizinhistorisch recherchier­ten und interpretierten Sujets sind u.a. Votivbilder. Votivbilder finden seit mehreren Jahren zunehmende Beachtung bei Volkskundlern und Religionshistoriker. Auch dem Arzt und Me­dizinhistoriker bieten sie Anregung. Sie zeigen den kranken Menschen, wie er sich selbst sieht — sie sprechen seine Hilflosigkeit im irdischen, aber auch seine Geborgenheit in einer höheren Ordnung. Mit dem Gelübde (votum) nimmt der Gläubige seine Zuflucht zu den Hei­ligen, den Fürbittern vor Gottes Thron. Sie halten sich soweit, wie möglich an die damalige Vorstellungswelt. Heilkunde und Religion sind keine unüberbrückbaren Gegensätze, wenn auch gegenüber der göttlichen Weisheit und der Himmlischen Allmacht das Wissen der Ärzte lückenhaft ist und ihrer Heilkunst verhältnismässig enge Grenzen gezogen sind. Auf dem Vötivbild begegnen sich ja Himmel und Erde ohne Unterlass, gewinnt das Wunder

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