Varga Benedek szerk.: Orvostörténeti közlemények 149-157. (Budapest, 1996)

KRITIKÁK / REVIEW ESSAYS - Schultheisz Emil: Bildende Kunst und Medizinhistoriographie. Überlegungen zu dem Buch von Mária Vida: Kunst und Medizin in historischen Ungarn

Kunst und Wissenschaft sind in der Geschichte der Anatomie fast unzertrennlich. Ohne die vollendete Schönheit der berühmten Kalkarschen Holzschnitte hätte die Fabrica des Vesal kaum die Durchschlagskraft dem die sprunghafte Entwicklung der Anatomie zu verdanken ist. In der künstlerisch-bildlichen Darstellung des menschlichen Körpers wurden immer auch gewissermassen greifbare Wahrheiten vermittelt: ,,les vérités palpables" (Delécluze). Mit der Entwicklung der künstlerischen Darstellungsmittel — vom Holzschnitt bis zum Stahl­stich — hängt die Geschichte der anatomischen Darstellung ebenso zusammen wie mit der Entstehung des neuzeitlichen Wissenschaftsparadigmas. Während sich der Wechsel vom mit­telalterlichen zum neuzeitlichen Wissenschaftsideal vollzieht, erschöpft sich das Verhältnis von Medizin und Kunst keineswegs darin, dass letztere nur in dienender Funktion die Er­kenntnisse der Medizin illustriert. Mit dem Beginn einer neuen Zeit, die man als Renais­sance bezeichnet, änderte sich auch die Einstellung zu den Erscheinungen der Natur und damit zum Menschen. Was die Anatomie betrifft, ist dieser Prozess in strengem Sinne des Wortes, keine Renaissance, keine Wiedergeburt, er war vielmehr ein Neubeginn. Gerade für die letzten fünf Jahrhunderte aber bestätigt die Geschichte der Anatomie, dass mit zunehmendem Wissen über den Bau des menschlichen Körpers neue Erkenntnisse über die Funktionen seiner äusseren und inneren Teile gewonnen und damit deren Schäden und Störungen ärztlichem Handeln zugänglich wurden. So wurde die Anatomie, nicht zuletzt mit Hilfe der Kunst, immer deutlicher zum Fundament der Medizin, zur conditio sine qua non medizinischen Denkens. Der Blick des Mediziners ebenso, wie der des Künstlers richtet sich in das Innere der sezierten Leichen. Im weiteren Verlauf werden jedoch die Berührungspunkte zwischen Me­dizin und Kunst mehr und mehr peripher. Die bis weit noch in das 18. Jahrhundert zu er­fassende ,,Kunst und Wissenschaft im anschaulichen" löst sich auf, die anatomische Abbil­dung wird vom Kunstwerk zu einem „Instrument der Wissenschaft". Die Abbildungen verlieren aber viel von ihrer ästhetischen Individualität, die bildreiche anatomische Darstel­lung sinkt hinab zur blossen Illustration und dient lediglich als didaktisches Hilfsmittel. Im 19. Jahrhundert ist die anatomische Abbildung nicht mehr Teil des Prozesses einer Verwand­lung der Welt durch die Kunst. Eine anatomische Ikonographie, die immanent von einer ursprünglichen Einheit von Kunst und Wissenschaft ausgeht und auf sie angelegt ist, endet an diesem Zeitpunkt. Eine vielleicht kuriose Form anatomischer Darstellungskunst ist die Kleinplastik. Zwar ist die Anatomie der Schwangerschaft als bildliche Darstellung keine Seltenheit, doch sind weibliche Elfenbeinmodelle rar. Im Kapitel über die Geburtshilfe wird eine sehr seltene Kleinplastik aus Elfenbein, eine liegende Frau im Zustand fortgeschrittener Schwangerschaft dargestellt. Datiert um 1700, aus der Sammlung des Semmelweis-Museums. Der erste Autor, der über solche Modelle aus der Sammlung des Wellcome Museums London berichtete, war Ch.J.S. üiompson (1925). Ein ähnliches Stück aus dem 18. Jahrhundert besitzt das Deutsche Medizinhistorische Museum dessen Gesichtsausdruck starke Verwandschaft zu dem obigen Exemplar zeigt. Über die Funktion der Elfenbeinmodelle gibt es keine Hinweise in der älte­ren Literatur und bis heute lediglich Vermutungen. So sollen sie ähnlichen Zwecken gedient haben, wie die gedruckten Schichtklappbilder des 16. Jahrhunderts. Diese zweidimensiona­len Bilder wurden zu Ende des 17. Jahrhunderts durch plastische Figuren teilweise abgelöst. Während Wachsmodelle der bildnerischen Gestaltung vorwiegend des toten Körpers dienten, eignete sich das Elfenbein zur Darstellung des Inkarnats des lebendigen Körpers besonders

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