Antall József szerk.: Orvostörténeti közlemények 125-132. (Budapest, 1989-1990)
TANULMÁNYOK - ESSAYS - Vida, Mária: Die Philanthropie und die Rolle der Frauen in Ungarn
DIE PHILANTROPHIE UND DIE ROLLE DER FRAUEN IN UNGARN* MARIA VIDA Das Wort „Philantrophie", diesen vielleicht anachronistischen Begriff habe ich bewusst zum Titelwort meiner Studien gewählt. Da „Philantrophium" (1774-93) ist auf deutschem Boden, in Dessau (Herzogtum Anhalt-Dessau) als Verkörperung einer Idee von Johann Bernard Basedow (1774-90) ins Leben gerufen worden, dessen persönlicher Leitung es auch unterstand. Der Begründer selbst berichtet darüber in seiner Schrift Das in Dessau errichtete Philantropinum, eine Schule der Menschenfreundschaft. Das Erziehungssystem des Philantropismus, das sich den Prinzipien der deutschen Aufklärung verpflichtet fühlte, fand zahlreiche Nachahmer {Salzmann, Campe, Trapp, Huts, Muths u.a.). In Basedows Erziehungssystem bekamen die Lehren eines englischen Locke und französischen Rousseau gleichermassen ihren Platz. Allmählich aber verliess der Begriff der Philantrophie den Begriffskreis von Erziehungssystem, um später als der Begriff der Menschenfreundschaft, des aktiven Humanismus in unseren Wortschatz einzuziehen. Vorerst trat der Begriff in unserem Denken im Rahmen des Altruismus auf: später, in der Epoche des Industrialismus, der die Verschärfung sozialer Fragen mit sich brachte, kam er in Ergänzung zu langfristigen strategischen Zielen bewusster Sozialpolitik als ideell-moralischer Hintergrund der unmittelbaren Hilfe und von kurzfristigen, als karitativ einzustufenden Zielen zum Vorschein. Den Kontrastbegriff schien Molière's Misanthrope (1666) zu inspirieren, doch ist er älteren Ursprungs. Der Begriff ist mit der untrennbaren Dialektik des Guten und des Bösen in der menschlichen Geschichte überhaupt verbunden. In unserer europäischen Geschichte verdankt die Nächstenliebe ihre Entstehung den Prinzipien des Christentums: im Mittelalter wurde sie durch die Übung christlicher Tugenden zu jener dominierenden Idee, welche - wenn sie in der Praxis auch verletzt wurde - als unangefochten galt. Das christliche Menschenideal wurde in die Ideenwelt sämtlicher Epochen: der Renaissance, des Humanismus, der Reformation ebenso wie der Aufklärung, aufgenommen. Leben und leben lassen - von diesem liberalen Prinzip des Individualismus schien die altruistische Gedankenwelt nur scheinbar in den Hintergrund gedrängt worden zu sein. Es wäre zu bedenken, dass ja auch die Losungsworte der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einen von der liberalen Welt untrennbaren Grundsatz signalisieren. Es waren jedoch die Akzentverscheibungen, die den auf Gleichheit gegründeten und auf Ausgleich bedachten sozialen Ideen im 19. Jahrhundert einen bedeutenden Ansporn gaben. Obwohl der Altruismus als Disposition zur Hilfeleistung den ritterlcihen Ideen überhaupt nicht fremd war, Hess er sich doch leicht mit dem weiblichen Betätigungskreis identifizieren - jenem Gebiet etwa, das der biologischen Prädestination der Frau entspricht. Die weiblichen Tugenden - Zärtlichkeit, die Welt der sich in der Mutterschaft verkörpernden Instinkte - waren verständlicherweise mit den verschiedenen Äusserungsformen des Altertums verbunden, und sie verliehen dem Institutionensystem des Philantopismus seine inhaltliche Ausrichtung. Im Gegenzug zu den männlichen Tugendklischees Mut, Kampfbegierde usw. - fanden die Frauen vorzugsweise hier ihr Betätigungfeld. Das gilt ebenso für die adligen Frauen des Mittelalters, die die Kranken pflegten, wie für die Frauen vom Zeitalter der * Der Vortrag wurde am 3—7. September 1985, gelegentlich des Symposions: „Die Stellung der Frau auf dem Balkan", vorgetragen und in der, vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, herausgegebenen „Balkanologischen Veröffentlichungen" publiziert. (Hrsg. N. Reiter) Band XII. Berlin, 1987.