KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

Anhang I

verlassenes Leben nach Rettung lechzte, herrscht — Totenstille. Die Szenen mit dem Letzten der Edelfamilie, dem der Tod die Kerze auslöscht, mit dem reichen Bauer, den der Tod in seiner Kammer überrascht und mit der tapferen Hö­kerin, die den Tod „windelweich" prügelt, sind Weiterbildungen alter Reminiszenzen. Der letzte grosse Totentanz in diesem Genre ist eine mächtige Einzelbilderreihe von Hans Meyer. 1 Der Professor für Kupferstich und Radie­rung an der Akademie zu Berlin, selbst ein erst­klassiger Maler und Radierer, bietet uns in ei­nem klassizierenden Stil die auserlesensten Szenen eines Totentanzes, die jemals erschienen sind. Schon die einleitende Szene 2 mit dem mächtigen Lebensbaum auf einer hohen Burg­zinne, von deren Geländer aus der Tod in der Abenddämmerung die weite Landschaft, das vielseitige Treiben der unten in der Tiefe wim­melnden Menschenmenge betrachtet, zeigt uns eine passive Todesgestalt, welche, wie der Wan­derer-Tod Bechsteins seiner mörderischen Rolle auf Erden schon längst überdrüssig, einer Erlö­sung von diesem schrecklichen Los harrt. Und doch erwacht, wie durch einen Zauber, jedes­mal auch seine Lust daran, dass es ihm nur einen einzigen Wink kostet, um allen Lebe­wesen die Bitterkeit des Verderbens kosten zu lassen. Dem Schnitter geht er in der heissen Sonne mit der eigenen Sense nach, und während dieser sich mit einem Schluck Wasser labt, holt er schon zum tödlichen Hieb aus. Sehr lieblich ist die Szene mit dem kleinen Kinde, das noch kaum gehen kann 1 Selbst den Tod erfüllt die Begeisterung für die Schönheit des jungen Lebens ! Er spielt das Blindekuh-Spiel mit den Schönsten Mädchen der Welt. Seine Augen sind zwar zugebunden, er findet aber trotzdem die schönste heraus. Von weitem geht er dem alten Mann nach und beschwichtigt seine unbeholfene Eile mit der Tröstung, dass er ihn doch einmal einholen werde. An der Heilquelle, wo die Menschheit erscheint, um die verlorene Gesundheit wiederzugewinnen und dem Tod die Macht zu nehmen, hockt der ver­schleierte Tod und reicht einem jeden Kranken selbst einen Becher voll des reinsten Wassers. Den ermüdeten Wanderer führt der „Herbergva­ter-Tod" „Zur guten Herberge", in die Grabes­finsternis. 8 Die Szenen mit dem Baumknecht, mit der Kunstreiterin und dem Totengräber-Tod sind uns anderswoher schon bekannt. In der perspektivisch schönen Frühlingslandschaft eilt der Tod dem Mönch mit Liebe entgegen. Dieser, sowie auch der Gefangene und der Eremit, er­warten den Tod mit Freude, sehen im Tod nicht das strenge Gesetz der Verwesungsnotwendig­keit, sondern es erfüllt ihr Herz die Glückselig­keit der endlichen Befreiung von sämtlichen ir­dischen Qualen. Besonders die Szene mit dem 1 geb. 1846 in Berlin und gest. 1919 ebenda ; vgl. Tafel L-LIV. ! Taf. L. Fig. 7. 3 vgl. Tafel LI. Eremiten zeigt uns wieder das althergebrachte Idyllische der Waldeinsamkeit, in welcher sich der Mensch mit der übrigens feindlich gesinn­ten Natur auf immer aussöhnt. 4 Der Tod Hans Meyers passt seinen Charakter dem Wesen sei­nes Opfers an. Der ermatteten Alten zeigt er sich milde. Den Schiffbrüchigen erscheint er in der Maske des schrecklichen Windsturmes, der inneren Tragik des Lebens eines „Hofnarren" bringt er Mitleid und Verständnis entgegen, dem waghalsigen Touristen voranschreitend verheim­licht er schlau seine wahren Absichten, mit dem Schlemmer zecht und schmaust er auf die Wette, bis er sich ihm beim Antossen der beiden Glä­ser, des Champagnerglases und der Sanduhr, zu erkennen gibt. Und den Blinden führt er diesmal nicht vor ein offenes Grab, sondern auf eine halb abgebrochene, wankende Holzbrücke, un­ter welcher ein tiefer Strom dahinsaust. 5 Nun bereitet aber der Tod auch hier in der Gestalt eines böswilligen Weichenstellers den Zusam­menstoss zweier Eisenbahnzüge vor. Am Flug­platze erscheint er in der Menge der Zuschauer und versäumt es nicht, durch ein Fernrohr nach diesen waghalsigen Leuten Ausschau zu halten, ob er sie nicht auch unter seine Opfer zählen könnte. Dem Radfahrer fliegt der Tod auf seinem Fahrrad nach und, wenn er ihn auch noch einst­weilen nicht einholt, so suggeriert er ihm eine Geschwindigkeit, welche diesen unbedingt ins Unglück stürzt. Wundervoll ist die Szene mit dem Maler, hinter dessen Staffelei sich der ge­spenstische Tod verborgen hat, währenddessen er sich am herrlichen Anblick der untergehen­den Sonne ergötzt. Liebe, Mitleid und Milde wer­den zu seinen Haupteigenschaften, wenn er dem Unglücklichen, der einen Selbstmord begehen will, von der Zwecklosigkeit seines Vornehmens spricht und wenn er den armen Bettler in seine Hut nimmt, den schon alle Welt verachtet und in seiner Unbeholfenheit verderben lässt. Wie uns die poetisch und fein gestaltete Szenenreihe von Hans Meyer belehrt, wurden in den holbeinartigen Einzelbilderreihen meist typisch vereinfachte und schematisch wieder­kehrende Einfälle in einen einheitlichen Rahmen gedrängt. Der Künstler entnimmt dem Leben der Gegenwart einzelne Todesarten, denen er bald einen symbolischen, bald realisierten Sinn gibt. Die Skelettgestalt des Todes tritt fast durchwegs in derselben Erscheinungsform auf und bleibt, besonders in den neueren Totentänzen, nie weg. Jene Weise, wie schon von Holbein und dann später von Abraham ä Sta Clara, vonRowlandson und M. Schwind die Totentanzstimmung durch die einfache Charakteristik einer Lebensszene er­zielt worden ist, wurde scheinbar vergessen oder sie verschwand vielmehr nur aus der Holbein­schen Einzelbilderreihe, um in einer anderen Totentanzart eine neue Blüte zu erleben. Die Rahmeneinfassung des Holbeinschen Totentan­4 Tafel LH. Fig. 1-6. 3 Tafel LI II.

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