KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

XI. Die einheitlich allgemein menschliche Bilder-reihe als Symbol des Lebens – „Lebens-Tanz"

— 203 — XI. Die einheitlich allgemein menschliche Bilderreihe als Symbol des Lebens „Lebens-Tanz" 1 In den Totentanzwerken der vorangehen­den Dichtungsart wurde ein einziges Bild ge­wählt, dessen gesamte Einrichtung, sowie seine Einzelzüge von einem Totentanzaspekt ausge­gangen das ganze irdische Leben der Mensch­heit grell und blendend beleuchteten. Das Treiben der Fahrgäste auf einem Zug, der bald entgleisen soll, das leichtsinnige Leben von todgeweihten Kranken im Sanatorium, die Su­che nach einem verborgenen Schatz oder das zügellose Karrieremachen eines Einzelnen : das sind lauter Einzelbilder, die sich auf die Gesamtheit der Menschen beziehen lassen. Nun fügt aber der grösste ungarische Ly­riker der jüngsten Vergangenheit, Ady Endre, derartige Einzelbilder zu einem Zyklus zusam­men : A halál rokona, Vér és arany. 2 Der Zyklus ist zwar eine Einzelbilderreihe, die das Leben symbolisiert, trotzdem sind die einzelnen Dichtungen nicht aufeinander zu be­ziehen, wie die Szenen der allegorischen oder historischen Einzelbilderreihe. Sie sind als von­einander unabhängige, selbständige Darstellun­gen Einzelbilder der symbolisierenden Über­gangsdichtungsart, aus denen aber der Dichter einen Zyklus konstruiert. Dabei ist zu betonen, dass unter den Gedichten einige der heutigen allgemeinen Totentanzauffassung angehören. Hervorzuheben ist das Gedicht „Meine Mutter und ich" („Az anyám és én"), in welchem der Dichter in verzweifelter Selbstanklage be­kennt. dass er das Leben seiner Mutter verbit­tert. Während in diesem Stück der Sammlung nichts mehr von der alten Todes-Tanz-Tradition zu erkennen ist, dient sie in den übrigen Ge­dichten meistens noch zur Symbolisierung des Menschenlebens. Die Gedichte „Der Tod auf den Geleisen" („Halál a síneken") und „Mein Sarg Ross" („Az én koporsó-paripám") sind symbolische Dar Stellungen des Lebens. Wie bei Liliencron, wird das Leben mit der Eisenbahn verglichen. Das Gedicht „Der Tod auf den Geleisen" 3 personi­fiziert den Tod nicht und die symbolischen Züge des Bildes werden vom Dichter mit erbarmungs­loser Realität ausgebeutet. Das Leben hat ihn untreu verlassen und jetzt umarmt er die Ge­leise mit der Hoffnung, von der Todes-Lokomo­tive bald überfahren zu werden. Da tritt aber der altherkömmliche, allgemein menschliche Ge­danke der Lafontaine-Erzählung auf. Wenn der Mensch das Dröhnen der Todes-Maschine schon hören kann, wenn er die Todes-Lokomotive schon so nahe in seiner Nähe wahrnimmt, dass ihn schon die feurigen Funken bedecken, so er­fasst ihn krampfhaft die Sehnsucht, ins Leben, 1 Tab. B. I. 3a + II. 2 Der Verwandte des Todes. Im Zyklus Gold. Budapest, 1908. S. 3—33. 3 1908 : Ausgewählte Gedichte : S. 31. Blut und vor dem es ihn so geekelt hat, wieder zurück­zukehren. Das letztemal umarmt er das Leben und alle unerfüllten Träume, die Erinnerungen an die „schwarzbeflügelte Vergangenheit", flie­gen an seinen Geistesaugen vorüber, und seine alte Sehnsucht kehrt wieder zurück, um seine Seele noch auch das letztemal mit Geierkrallen zu zerfetzen. Er umarmt das Leben, aber seine sehnsuchtsvoll erhobenen Arme klammern sich krampfhaft um die Speichen der heiligen Räder der über ihn hersausenden Todes-Maschine. Dieses symbolisierende Todes-Motiv war Adys Lieblingsthema. Im Gedicht „Mein Sarg­Ross" 4 ist das Leben eine grosse Vision, in wel­cher der Mensch auf seinem eigenen Sarg rei­tend dahinjagt. Das Reiten auf einem Sarge ist kein neues Motiv. Im rein allegorischen ein­zelbilderartigen Totentanz von Adolf Frey, 5 reitet der Tod 6 im 5. Gedicht auf einem Sarge : „Mit den entfleischten Fersen steuerte Der Tod den Sarg und schoss blitzschnell [zu Thal". Die Ausdrucksweise Adys ist zwar auch in die sem Gedicht bizarr und überschwenglich, abe trotz dieser übertriebenen Jagd nach dem Aus sergewöhnlichen muss erkannt werden, dass in diesen Totentanzgedichten Adys seine verzwei­felte und tragisch verstimmte Seelenwelt, seine eigenartig ungarische Weltanschauung in reinen und edlen Motiven kunstvoll zur Geltung kommt. Eine charakteristische Handlung des Men­schen wird symbolisch gedeutet im Gedichte : „Wir vermessen einen grossen Gottesacker" 7 Der Gottesacker der Familie Ady wird in der Nähe des Hauses vermessen. Während der Dichter die Länge des Gottesackers mit seinem Vater abschreitet, wiederholt er oft : „Vater, wir haben schon genügend Platz" (Édesapám, talán elférünk . . . . ; „Nagy sírkertet mérünk . . . ."). Aber der Vater gibt ihm keine Antwort und sinnt nach und beide, Vater und Sohn, verschwinden in der Weite von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne beleuchtet, — indem sie ihren eigenen Gottesacker ab­messen. Die Deutung liegt an der Hand. Nicht mehr der Gottesacker der Familie Ady wird vermessen, sondern die Begräbnisstätte „der Menschheit". Der Mensch, der „auf reichen Fel­dern mit wenig Ähren" „den Herbst des Mes­sens" erlebt, hat mit seinen Taten seinen eige­nen Gottesacker abgeschritten. Das Leben ist ein Abschreiten des eigenen Gottesackers, wel­cher am Ende uns alle beherbergen soll. „Százszor és százszor újra kezdi. Már száz sírra eleget lépett". . . 4 1908 ; Auswahl : S. 184. 6 Totentanz : (Aarau. 1895.) 6 Thalfahrt : S. 19. 7 1910 ; a. a. 0. S. 150.

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