KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

faule Knecht den Tod holt. Er irrt sich aber, denn er hat in seinem Knechte den Tod nicht erkannt. Dieser schleicht zwar langsam und un­bemerkt einher, kommt aber trotzdem immer zu früh. Nach einer ungeschickten Nachahmung des Schildbürger-Märchens 1 in Verbindung mit der Frauengestalt des Pest-Todes zeigt der „Traum" den Zuschauern einen Spiegel, 2 in dem sie sich beschauen. Im Spiegelbilde erscheinen sie sich selber in einem tobenden Tanzgewühl. — Die Bude des Traumes verschwindet und die Wirk­lichkeit tritt drohend heran. Die Totenglocke schrillt grausig. Jeder will vom Markte fliehen, wird aber von einer unsichtbaren Macht ge­hemmt. Inmitten der Menge erscheint Freund Hein. Der Totentanz steigt hiemit von der Bühne mitten in das menschliche Gewühl des alltägli­chen Lebens herab. 3 Die zweite Abteilung des Duller-Totentan­zes führt uns in „des Todes Fastnacht" 4 Der schlafende Tod erwacht in einer öden Felsen­schlucht 5 und zieht in die Welt hinaus, um sich ein Eheweib zu suchen, mit dem er die Welt gemeinsam verheeren könnte. Sein Wunsch geht bald in Erfüllung, denn dieser „König der Ver­wesung" erblickt ganz unverhofft eine Amazone, 6 die eine Tigerkatze erwürgt und spricht sie an. Aber sie drückt auch auf ihn einen Pfeil ab. Der Pfeil prallt von seiner Brust ab. Die Amazone, die personifizierte Pest, ergibt sich. Der König schwingt seine Geissei gegen alle schlechten Geister und beschwört sie. Sie ziehn dann, dem Befehl des Todes folgend, von hier in die Welt hinaus, um die gesamte Menschheit dem sicheren Untergange zu weihen. 7 Da steigt der „König Tod" mit seiner Braut auf den Tri­umphwagen, 8 der sie auf den Kaukasus, zu den Pforten Europas führt. 9 Der Triumphzug des Todes führt auch nach London, wo sich das moderne Treiben der Grossstadt frei entfaltet. 1 0 Der Tod und seine Braut stiften in ihrem Triumphwagen überall auf der Welt nur Unheil an Jetzt schweben sie hoch über den Türmen und Masten der Schiffe, über der Weltstadt London. Der Tod und seine Braut betrachten die neue, nach modernen Grundideen frei entwickelte Welt mit Genugtuung, denn 1 Die Schildbürger und der Strolch. S. 125 ff. Nr. 10. 2 Freund Hein im Mummenschanz. S. 137 ff. Nr. 11. Vgl. Taf. XXIX. Fig. 6. 3 Die Schlussszene des ersten Teiles : Nr. 12. Das Kräutchen wider den Tod — Ein Märchen als Intermezzo, ist eine in Prosa geschriebene wertlose und geschmack­lose symbolische Novelle. 4 Freund Hein Grotesken und Phantasmagorien von Eduard Duller. Mit Holzschnitten von Moritz von Schwind. Stuttgart, 1833. 5 Des Todes Erwachen. S. 9 ff. N r. 1. 6 Die Braut in Hindostan. S. 21 ff. Nr. 2. 7 Krankheiten, Pest. Krieg sind auch bei Bechstein die Schergen des Todes. 8 Dies könnte als eine von den Triumphen Petrarcas eingeleitete Tradition angesprochen werden. 9 Das dritte Stück, „Die Reben von Malaga" (S. 37 ff.) ist bedeutungslos. 1 0 Reform. S. 43 ff. Nr. 5. London. dieses moderne Babel gehört ja auch noch zum Brautschatz seiner Braut. Die Braut dankt für all die Herrlichkeit dieser grossen Macht und sendet die Pfeile des Aufruhrs und des Bürger­krieges auf London Diese Pfeile sollen die Re­form des modernen Stadtlebens mit Blut taufen. Diese Reform tut not Britannia 1 Von diesen Pfeilen gezwungen, eilen die Schnitter mit Sen­sen vom Lande in die Stadt herbei und kämp­fen für eine neue Welt. Diese Szene erinnert sehr lebhaft an die Auffassung des modernen Londoner Marktes in der Londoner Szene von Madách. Dass sich in einem Totentanze vor Madách derartige Szenen befinden, das beweist mindestens so viel, dass zur Zeit der Entstehung der grossen ungarischen „Tragödie" eine auf derartige Prinzipien aufge­baute Einzelbilderreihe ohne weiteres als ein Totentanz empfunden wurde. Nicht umsonst war also Madách schon infolge eines im Zeit­geiste. begründeten Zwunges genötigt, seine hi­storische Einzelbilderreihe mit Todes- und To­tentanz-Szenen auszustatten. 1 1 Auch die Szene mit dem Titel Heiltrank 12 zeigt auffallende Ähnlichkeiten mit dem Schluss der „Tragödie des Menschen" und beweist, dass das Drama von Madách mit Sicherheit als ein Totentanz aufgefasst werden kann. Auch hier ist die ganze Welt schon ausgestorben und vereist, wie im Werke von Madách in der gran­diosen Eskimo-Szene. Der Tod und seine Braul, das Leben (oder die Pest ?), finden nunmehr ein grosses Eismeer an Stelle der Palmenhaine des Äquators. Wie es in der Tragödie von Ma­dách Luzifer tut, so bildet sich hier auch der Tod ein, dass er der einzige Herr der Welt sei und dass er auch gegen Gott zu kämpfen vermag. Aber wie am Schluss des Madách-Dramas Lu­zifer zuschanden gestellt wird, so besiegt auch hier Gott den Tod. Am wüsten Eismeer erscheinen der König und seine Braut ; es folgt ihnen ihr Hofpoet, die Verzweiflung. Die Braut : Welch eine öde Hochzeit hast du mir 0 gleissnerischer Bräutigam 1 bestellt, Versprachst mir einst, als du mein Herz [gewannst, Im blütenreichen heil'gen Hindostan, Ein königliches Hochzeitsmahl zu rüsten, Die Menschheit selbst dabei zu Gast zu [laden . . . Statt dessen führst du mich an diesen [öden Strand", wo keine Tiere, Menschen, kein Baum und Quell. Aber der Tod erwidert ihr, sie hätte ja selbst gewünscht, dass er alle Menschen ver­tilge. Jetzt ist alles auf der Erde ausgestorben. Die Braut wünscht, dass der Geist der Vernei­1 1 6. Eine Fata Morgana (S. 51.). 7 Des Seilers Toch­ter. Frazze. Intermezzo. (S. 61 It.). 8. Des Schachs Fast­nacht. (S. 111 ff.). 1 2 S. 149.

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