KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

nung nun wieder eine neue Welt schöpfe statt der alten, aber soweit reicht seine Macht nicht mehr und darum spottet sie seiner. Der Hofpoet liest ein Gedicht vor und erwürgt sich in den Ketten, in welche man ihn gelegt hat. Der Kö­nig fühlt seinen Thron wanken, da ihm doch schon auch ein solch kleiner Knecht gebieten kann, dass er komme, wenn er auch noch nicht will. Die Verzweiflung bleibt also allein unsterb­lich und sie spottet so der Macht des Todes. Der Tod küsst aus Rachelust seine Braut und nun stirbt auch diese. Der Tod will jetzt über alles Herr sein, ausser ihm sei niemand mehr, der sich Herr nennen darf — so meint es der „König" Tod. Aber nun erscheint Gott, der Herr des Le­bens und des Todes, im Gewitter einherfahrend : „Erkenne mich du frevelischer Knecht ! Vergassest du den Herrn ? Zittre Knecht ! Denn Rechenschaft begehr' ich von dir — [Knecht ! Der Tod : Wie? Rechenschaft? Ich selber bin der Herr, Wann legte Rechenschaft doch je ein Herr? Ich bin der Herr und ausser mir ist keiner ! Gott besiegt aber den Hochmut des Todes. 1 Diese eingehendere Betrachtung der inne­ren Zusammenhänge des Dramas von Madách mit den Bechstein'schen und Duller'schen Sze­nen der „historischen Einzelbilderreihe".des mo­dernen Totentanzes wird uns in der Uberzeu­gung bestärkt haben müssen, dass der Toten­tanzcharakter der „Tragödie des Menschen", wenn auch vielleicht nicht ganz restlos be­wiesen, aber doch sicherlich wenigstens nicht mehr geleugnet werden kann. Ich betone es nachdrücklich, dass ich durch den Vergleich des Werkes von Madách mit diesen beiden Totentänzen die Bechstein'schen und Duller'­schen Totentanzszenen nicht ohne weiteres als Quellen der „Tragödie" bezeichnen wollte. Der „grösste ungarische Totentanz", als eines der mächtigsten philosophischen Werke der Welt­literaturüberhaupt, steht himmelhoch über diesen hier besprochenen Totentänzen. Dass aber nicht nur einzelne Szenen der „Tragödie", sondern das Gesamtwerk an sich in seiner Konstruktion, in seinen Grundideen und auch inhaltlich mit den zeitgenössischen Totentänzen viel gemein­same Züge zum Vorschein bringt, dies steht nun vor uns viel klarer und wahrscheinlicher. Es bleibt mir nur noch übrig, auf weitere Totentänze dieser Art hinzuweisen, welche die Bechstein'sche Manier fortgesetzt und weiter ausgebildet haben. Ein „Bechstein-Totentanz", eine historische Einzelbilderreihe entfaltet sich auch in den No­vellen von J. L. Windholz, 2 Das erste Stück im Novellen-Zyklus ist 1 Die letzten Stücke sind : 10. Aschermittwoch. Dies Irae. (S. 177 ff.) Ostersonntag. (S. 185 ff.) 2 Totentanz und andere Novellen. Leipzig, 1897. s 1. Totentanz. S. 1 —5. eine kriegerische Totentanz-Szene. Der Tod springt über einen Graben und klettert langsam auf einen Bretterzaun, sich mit seiner Sense helfend. Als er oben klappernd angelangt, reiten Dragoner samt Artillerie den Bretterzaun entlang an ihm vorüber. Der Dragoneroffizier salutiert dem Tod. Auch die andern senken ihren Säbel, indem sie an ihm vorbeigaloppieren. Dann ziehen sie weiter. Der Tod schaut ihnen solange stumm nach, bis sie in einer Staubwolke allmählich verschwinden. Schliesslich klettert er denselben Weg zurück. — Hier erscheint also der Tod, wie er sich im Bechstein'schen Totentanz am Kolosseum ausruht. Er tötet nicht. Nur die im­mer drohende und nahe Gefahr des Todes wird in seiner Sensengestalt symbolisiert. In die Tiefe eines Kohlenbergwerkes führt uns diezweite Szene. 4 Der Tod steigt in die al­ten Fahrten des Bergwerkes hinab. Die Gru­benlampe hat er sich in die letzte Rippe einge­hängt. Er naht einer Höhle, aus der das Schla­gen der Hauen und das Poltern der herabfal­lenden Kohle hörbar ist. Unter den dreissig Ar­beitern befindet sich nur ein einzigerblühender Junge. Als der Tod, den niemand vernimmt, seine Lampe zu den übringen hängt, bemerkt der Jüngling in der plötzlich eintretenden Stille, dass es nach Gasen rieche... Kaum wird aber der Jüngling wegen seiner Ängstlichkeit ausge­lacht, da löscht schon der Tod seine Lampe aus. Hierauf erlöschen wie auf einen Wink alle Lampen. In der Finsternis beruhigt die erschrockenen Bergleute ein alter Hauer und zündet ein Zündhölzel an, ehe es der Jüng­ling, der den Tod schon bemerkt hat, verhin­dern könnte. Ein furchtbarer Blitz und Knall folgt dem Knistern des Zündhölzeis. Nach der Explosion eilt der Tod, die Sterbenden verlas­send, zur Mündung des Schachtes und schwingt sich auf einer Förderschale schnell zur Erdober­fläche empor. Da läuft schon alles durcheinan­der. Der jammernde Direktor fühlt eine gespen­tische Hand auf seiner Schulter. Als er sich umwendet, sieht er einen alten, aber elegant, schwarz gekleideten Herrn vor sich, der ihm gütlich lächelnd zuflüstert : „Den armen Leu­ten ist doch der Tod besser, als das Leben." Der Direktor erkennt aber in diesem Herrn nicht den Tod. Dem Realisierungsdrange der moder­nen Totentänze entsprechend verursacht hier nicht der Tod das Sterben. Nur seine Gegen­wart in den frei und hemmungslos waltenden Naturgewalten wird durch das Skelett angezeigt. Der Tod ist im nächsten Stücke 5 dem Menschen wohlgesinnt und gibt sich im Men­schenherzen durch die Sehnsucht nach der Gra­besruhe kund. Der Schreiber eines Tagebuch­blattes erzählt, dass er einst am Fenster eines Bauernhauses über die Vergänglichkeit nach­grübelnd gesessen habe. Es kommt ihm so vor, als ob sich vor ihm eine unendlich grosse Tiefe 4 2. Schlagende Wetter. S. 6—11. 6 3. Tagebuchblatt. S. 12—16.

Next

/
Thumbnails
Contents