KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes
- 177 — der Leser alle Zeitalter der Weltgeschichte durchwandern wird. Die Rolle Adams in der „Tragödie des Menschen" spielt bei Bechstein der Leser. Er muss in den historischen Szenen sein eigenes Schicksal, seine eigene Zukunft erkennen. Der Dichter lässt uns vom Tod die ganze Weltgeschichte abspielen, damit wir die ungerechte Weltordnung mit kindlicher Hoffnung ertragen und unsere Todesfurcht besiegen können. Nicht nur die Grundgedanken des Weltdramas von Madách erinnern an den Totentanz von Bechstein und zeigen einen Totentanzcharakter, sondern auch Einzelszenen und -Motive der „Tragödie des Menschen" wurden schon vor Madách als Totentanzszenen und Motive anerkannt. Der Anfang des Bechstein-Totentanzes stimmt mit dem Anfang der „Tragödie des Menschen" überein und macht uns erklärbar, warum Madách gerade dort, wo er von seiner Faustvorlage abweicht, die Geschichte der Ureltern einsetzt: 1. Die Erschaffung des Menschen, Adams und Evas. 2. Sündenfall. 3. Adam und Eva haben das Paradies verloren. Seitdem der Engel das erste Menschenpaar aus dem Paradiese getrieben hat, verfolgt die Verjagten ein fürchterlicher Schatten. Der Macht dieses Rachegeistes sind sie hilflos ausgeliefert. 1st dieser Schatten in der „Tragödie des Menschen" nicht Luzifer selbst? Seine Macht ist kein Vertrag, sondern die natürliche Folge der Sünde. 4. Der Mensch schwebt zwischen Geburt und Tod. Adam muss sein Brot durch schwere Arbeit verdienen. Die Erde dient ihm nicht mehr freiwillig, er muss sie urbar machen. Er fällt einen grossen Baum, der Todesgeist steht neben ihm und hilft ihm bei der Arbeit, die er erst jetzt kennenlernt. Bald wird die Rieseneiche fallen, der erste Mensch wird durch die Hand des Todes sterben. Eva hält ihr erstes Kind in ihren Armen, das mit der Muttermilch auch den Tod in sich saugt. 1st diese Szene nicht auch die Darstellung der Gründung der Familie und des Besitzes, der zwei grösslen Mächte des Menschenlebens, wie sie auch den Grundgedanken der dritten Szene der „Tragödie des Menschen" bildet ? 5. „Gebein aller Menschen" (vgl. die Totentanzreihe Holbeins). Der Triumphgesang der Todesengel. Sie sind die bösen Geister der Welt, sie führen die Befehle des Todes aus. Sie sind seine Helfershelfer. Alle stolzen Träume des Menschen mordet ihr Hauch schon im Keime (!). Dasselbe tut ja auch Luzifer: Die stolzen Träume der Menschheit tötet er, die in Adam schon keimartig schlummern. Die Arbeit der Todesengel ist : den Staub solange zum Staube sammeln, bis die Erde selbst veraltet, bis das Leben erkaltet, bis die Urnecht wieder herrscht. Dasselbe Ende ist das Los der Erde in den Träumen Adams. Die Sonne kühlt aus und die Erde kreist in der Urnacht vereist weiter. „Rauschet feiernde Gesänge, Dröhnet Donnerharfenklänge Aufwärts aus der Grabese gel". . . . „Was auf Erden auch bestehe, Sinkt und bricht im bangen Wehe, Rufen wir ihm zu : Vergehe !„ „Wie der Erste uns verfallen. Fiel mit ihm das Loos von Allen, Die das Leben noch durchwallen I" „Keinen werden wir verschonen. Nicht in Hütten, nicht auf Thronen, Waffen schirmen nicht und Kronen I" „Schwacher Menschheit stolze Träume, Ihrer Hoffnung Blüthenbäume, Mordet unser Hauch im Keime !" „Jeder Hader wird geschlichtet ! . . Nie gesättigt von dem Raube, Sammeln wir den Staub zum Staube I" „Bis das Leben all erkaltet. Bis der Erdball selbst veraltet, Und die Urnacht wieder waltet I" Aber Gott duldet den Triumph der bösen Geister nicht weiter. Er lässt „hoch über allen Landen" das Kreuz erscheinen. So erscheint am Himmel das Kreuz am Ende der römischen Szene der „Tragödie des Menschen". „Und mit dem Tod rang eine Himmelsmacht ; Ein Kreuz erschien, hoch über allen Landen Und von dem Kreuze klang's : „Es ist vollbracht I" 6. Der Tod ist das Oberhaupt der Todesgeister, der „Kinder des Todes". Er fliegt auf den Golgatha-Berg, wo ihn der Erlöser besiegt hat und beschliesst, die ganze Menschheit töten zu wollen. Er freut sich, dass die christliche Religion auf der Erde so verbreitet wurde, denn gerade jetzt werden die Menschen am meisten verzweifeln, wenn sie trotz des Sieges Christi doch sterben müssen. So freut sich auch Luzifer am Ende der römischen Szene, dass sich Adam für die christlichen Ideen begeistert. Gott wird an seinem Entschluss Gefallen finden und dem Teufel ist er angenehm, weil er den Menschen in eine noch grössere Verzweiflung stürzen kann : „Sie sind doch mein . . . Will auch gleich Dir, in Knechtgestalt mich kleiden Will zu den Hirten gehn, die Deine Herden weiden". Will sehen, ob sie mehr Dich fürchten oder mich? — sagt der Tod und beginnt seine Wanderung durch die Weltgeschichte. Also auch im Bechstein'schen Totentanz wird eine Frage gestellt : Wen fürchten die Menschen ? Gott oder den Tod ? Auch Luzifer stellt die Frage, wem die Menschen eher dienen werden, Gott oder dem Teufel? — Der Tod fliegt in den Vatikan und verkleidet sich als ein Kardinal. Der Papst sitzt auf seinem Thron und der deutsche Kaiser kniet vor ihm. Diese „Schmach" der deutschen Nation kann „der deutsche Tod", der doch ein Toter der deutschen Totensage ist, nicht dulden und stürzt den Heiligen Vater von seinem Thron. Wichtiger, als die geschmacklose Tendenz dieser Szene ist der Umstand, dass Luzifer sich ebenfalls verkleidet, wenn er in einer historischen Szene auftreten soll. 7. Der Tod geht aber auch zum Kaiser. Nachdem der ..Schattenpilger", der „Wanderer" den Vatikan verlassen hat, ging er in das Kolosseum : „er liebt es, dort zu weilen. Wo von Ruinen ihm sein Bild entgegenquoll. Der bleiche Schnitter stand auf einem Aerntefelde, Wo seine Sichel Tausende gemäht, Wo Roms Tyrannen Blut auf Blut gesä't . . ." Da trat dem Wanderer ein menschliches Wesen nah. Ein einziger, den der Tod nicht kennt, der Jahrhunderte lang auf den Tod harrt und umsonst: Achasverus. Der Tod verlässt ihn und tritt als ein Pilgrim verkleidet in Albrechts Kaiserpfalz ein. Johann, der Neffe des Kaisers, kniet eben vor ihm und bittet um Macht. Aus Eifersucht weist der Kaiser die Bitte seines Neffen zurück : „Dir ziemet Jugendlust, Uns ziemt regieren". Da sieht Johann, dass sich hinter seinem Ohm ein Schreckengebilde erhöht. Es ist der Tod, der die Krone des Kaisers vom Haupte des Herrschers herabnimmt. In der Seele des Neffen erwachen die Rachegeister aus ihrem Schlaf und er ermordet seinen Oheim. Der Tod tötet hier nicht selber. Seine Erscheinung gibt dem Menschen den Gedanken des Mordes. Bechstein bildete hier aus einem einfachen Holbeinbild eine historische Szene heraus, die leicht mit den geschichtlichen Szenen der „Tragödie des Menschen" zu vergleichen ist. 8. Am Meerestrande sammelt der Wanderer die Diener seines Grimmes, und die Wogen der Flut brechen übers Land und vernichten das Leben. Und die Wogen riesengross durchwatend geht der stille Wanderer auf des Königs Schloss, der sich um das Unglück des Volkes garnicht kümmert und die Boten nicht hereinlässt. Der Tod verkleidet sich als einer der Diener des Königs und reicht ihm den Todestrunk. Der König wird tot aufgefunden, jemand hat ihn vergiftet. 9 Der Pilger setzt sich aul einen grossen Knochenberg, der aus den Knochen der Fürsten zusammengetragen wurde. Jetzt vertragen sie sich alle friedlich, und im Leben habeh sie gegeneinander Krieg geführt. Der Tod