KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

Tragödie Luzifers bei Madách. Das mörderische Ami des Todes ist bei Bechstein ebenso eine Hauptfeder der Weltgeschichte, wie bei Madách der Hass des Teufels gegen Gott und gegen den Menschen. Wie der Tod bei Bechstein die Stan­desvertreter, so will bei Madách der Teufel das erste Menschenpaar in den Selbstmord treiben. Also auch Luzifer will töten, und zwar nicht nur einen Menschen, sondern den Vertreter aller Menschen, Adam, d. h. Everyman, Jedermann, die Menschheit selbst. Der Mord, den der Tod, sowie Luzifer an der gesamten Menschheit ver­üben will, ist aber bei Bechstein und Madách nur ein Kettenglied der ewigen Pläne der Vor­sehung. Denn durch das Eingreifen des Todes und Luzifers in die Weltgeschichte erkennt der Mensch erst, dass Gott sogar über diese te­uflischen Mächte siegen kann. Anstatt Gott zu verlassen — was ja der Plan des Todes und Teufels ist — lernt der Mensch gerade durch die alles verwüstende Arbeit des Todes und Teufels Gott lieben und an seine Güte und Macht glauben. Im Bechstein-Totentanz entwickelt sich die Tragödie der Menschheit aus dem tragischen Fall der einzelnen Standesvertreter. Der Grund­gedanke des Bechstein-Totentanzes : „Der Mensch steckt sich meist das Ziel so fern, so weit, / Dass er, wenn ihm das Glück nicht seine Flügel leiht, / Es kaum erreicht"' wieder­kehrt auch im Drama von Madách. Wie viel­mal will Luzifer in der „Tragödie des Men­schen" Adam gerade durch diesen Gedanken zur Verzweiflung bringen ! Denn auch Adam wünscht sich nach einem jeden Fall, nach ei­ner jeden Enttäuschung mit neuer Kraft und Hoffnung, mit neuer Kampflust eine neue Welt, in der wieder neue Ideale zur Geltung kom­men. Und wie vielmal muss er immer neu hof­fen lernen, immer neu enttäuscht werden, bis er sich endgültig für den Selbstmord entschliesst 1 Die Standesvertreter des Bechstein-Totentanzes fallen auch gerade dann, wenn sie glauben, dass sie ihr Ziel schon sicher erreichen. Sie sind am Höhepunkt ihres Glückes, wie Pharao, Miltiades, Sergiolus, Tankred, Danton usw. in der „Tragödie des Menschen" und der grosse „Pilger", der Tod, ruft ihnen das „Vergehe" zu . . . Und alles, was sie bisher gebaut haben, was ihre Hoffnung war, zerfällt auch bei Bech­stein in Staub, wie die Götterstatuen der rö­mischen Szene bei Madách. Selbstverständlich ist auch aus diesem Standpunkt „Die Tragö­die des Menschen" weit kunstvoller, viel wert­voller, als die Komposition des Bechstein­Totentanzes. Der Fall der Menschen bei Bechstein ist nicht so tragisch, wie der Fall des „Menschen", Adams, in den vielen persönlichen, individuellen Rollen, da die Stan­desvertreter des Bechstein-Totentanzes nicht um eine erhabenen Idee kämpfen, sie sind meistens nur Sünder, die sich zur Partei der 1 Bechstein : S. 153. Feinde Gottes bekannt haben und erst in der Sterbestunde die Eitelkeit ihres zwecklosen Le­bens einsehen. Adam hat sich gegen den Wil­len Gottes aufgelehnt. Er hat Gott verlassen und Gott verliess auch ihn. Bald sieht er aber ein, dass er ohne Gott allein und verlassen ist und sucht im Traume und im Schicksalskampf seiner Nachkommen den Weg, der zu Gott zu­rückführen könnte. Als gefallener Mensch kann er diesen Weg nicht mehr finden, die grössten Ziele und Ideale entarten in seiner Hand und werden — anstatt die Menschheit zu sich em­porzuheben — schmählich erniedrigt, verpöhnt. Die Zukunf Adams, der „Menschheit", bleibt also ein Geheimnis und die Hoffnung, der Glau­be, und die Liebe können den Menschen zu einem neuen Kampf aneifern Versöhnung ist auch der Schluss des Bechstein-Totentanzes. Der Jüngste Tag ist hier kein Gericht, sondern eine grosse Versöhnung der Menschen miteinander und mit Gott, eine letzte und allgemeine Verzeihung von der Seite Gottes und eine grosse Verklärung seitens der Menschheit. Dadurch verliert aber der Toten­tanz den tragischen Charakter, da in ihm nicht die Tragik der Menschheit, sondern der tragi­sche Fall des Todes dargestellt wird. Der Tod, der die ganze Menschheit töten wollte, wird Zeuge ihrer Auferstehung. Die Motive des Toten­tanzes sind christlich, sie sind Ausbildungen der Lehre der katholischen Kirche. Deswegen stört der versöhnende Schluss, die Herabsetzung des gerechten Gerichtes zu einer Versöhnung der reinen, sündenlosen Menschen mit Mördern, Räubern, mit den niederigsten Volksmassen, so­wie die Versöhnung Gottes mit den Sündern, die also für ihre Taten nicht bestraft werden, die Einheit des Werkes. Madách hat die Ver­söhnung Gottes mit Adam mit dem endgülti­gen Fall der Sünder kunstvoll vereinigt. Noch eine tragische Gestalt tritt im Bech­stein-Totentanz auf : Achasverus, der „ewige Jude". Er ist ebenfalls ein „Wanderer" der Welt. Jahrhunderte vergehen, Millionen sterben und er kann nicht sterben. Auch der „Wan­derer-Tod" wünscht sich den Segen des Ster­bens. Achasverus und der Tod treffen sich im Kolosseum. Aber der Tod will Achasverus nicht töten, er verlässt ihn und dieser wandert wei­ter durch die Welt. Dann verschwindet er und wird erst im 47. Gedicht Bechsteins durch das Gebet eines reinen Mädchens erlöst. Ein genia­ler Gedanke wäre es gewesen, wenn Bechstein den ewigen Juden in jeder Szene, in verschie­denen historischen Rahmen dem Tod gegen­übergestellt hätte, wie etwa Madách Adam und Luzifer. Aber gerade dieser Zug der „Tragödie des Menschen" ist ein origineller Einfall des ungarischen Dichters. Nachdem Achasverus erlöst wird, sind auch wir, die Leser, am Ende unserer Wan­derung durch die Weltgeschichte. In der Ein­leitung seines Totentanzes erwähnt Bechstein selber, das nicht nur der Tod, sondern auch

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