KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes

- 170 — Ich halte diesen Teil der „Tragödie des Menschen" für die schönste Perle der gesamten Totentanzliteratur und veröffentliche ihn wört­lich, aber diesmal nach der Übersetzung von Mohácsi Jenő, 1 um den hohen poetischen Sinn der Szene auch dem deutschen Leser viel zu­gänglicher und greifbarer zu machen : Luzifer : Weil du, beschränkter Mensch, dort unten Nur die verworrenen Gruppen siehst. So glaubst du, in des Lebens Werkstatt Sei kein System vereinten Wirkens ? Wirf einen Blick mit Geisteraugen Aufs Werk, um das sie sich bemühn. Von dem nicht sie. nur wir den Nutzen ziehn. (Es ist finster geworden. Der ganze Markt gestaltet sich zu einer Gruppe, die in der Mitte der Bühne an einem klaffenden Grabe gräbt und um es herumtanzt, bis nach und nach alle hineinspringen, teils stumm, teils einer nach dem andern sprechend.) Chor : Klirre, klirre Spaten ; Heut muss das Werk geraten, Denn morgen wär es viel zu spät. Doch tausend Jahre gehen Und unvollendet stehen Wird noch das Werk, das nie vergeht. 0 viele tausend Jahre I Die Wiege und die Bahre Sind eins, wie Heut und Morgen auch. Eins enden und beginnen, Verlieren und gewinnen. Was eingeht heut, steht morgen auf. (Das Sterbeglöcklein erlönt.) Die Abendglocke läutet. Uns ist die Ruh bereitet, Denn unsre Arbeit ist vorbei. Die neu erweckt der Morgen, Die mögen sich nun sorgen, Das grosse Werk beginnen neu. Der Puppenspieler : Hab die Komödie ausgespielt. Ergötzt, doch selbst nie Spass gefühlt. Der Wirt : Ausgetrunken ist der Wein. Gute Nacht ihr Gäste mein ! Kleines Mädchen : Die kleinen Veilchen sind verkauft. Auf meinem Grab blühn neue auf. Zigeunerin : Alle wollten Zukunft schaun : Jetzt schliessen sie das Aug voll Graun. Lovel • Ich hatte Gold, kein Glück dazu : Jetzt finde ich umsonst die Ruh. Arbeiter : Sonnabend ists, die Woch zuend : Jetzt ruht, wer nichts als Plage kennt. Schüler : Ich träumte schön, man schreckt mich auf, Komm wieder, Traum, nichts weckt mich auf. Soldat : Tapfer glaubte ich zu sein Und stürze in ein Loch hinein. Dirne : Die Schminke ab, der Rausch verschwunden. Hier ist es kalt. Ists besser unten ? 1 a. a. 0. S. 161 — 163. Armersünder : Fort, Ketten, oben war es schlecht. Hier unten ahn ich andres Recht. Scharlatan : Wir trogen, dünkten uns gescheit : Nun wundert uns die Wirklichkeit. Eva : Was klaffst du, Tiefe, mir zu Füssen? Glaub nicht, ich fürchte deine Nacht! Mein Staub nur sinkt, weil erdgeboren. Ich schreit dahin in Glorienpracht I Denn Liebe, Dichtung, Jugend bahnen Den Weg in meine ewige Welt. Mein Lächeln nur bringt Erdenwonne, Wenn es als Sonnenstrahl ein Antlitz hellt. (Sie lässt Schleier und Mantel in das Grab fallen und schwebt verklärt in die Höhe.) Luzifer : Kennst du sie, Adam ? Adam : Ach, Eva, Eva ! Der Dichter, den sein Schicksal mit sei­nem eigenen Weibe geschlagen hat, träumt über eine sieghafte Weiblichkeit. Dieser Sieg der Weiblichkeit kann nicht mit dem Sieg des ver­klärten Gretchen, des Symbols der Treue und des „Ewig Weiblichen" am Schluss des Faust­Dramas verglichen werden. Faust fällt auch in ein Grab, aber in sein eigenes Grab und nicht in dasjenige der ganzen Menschheit. Er schau­felt sich sein eigenes Grab nicht. Die Lemuren scheinen seine Lebensziele auszuführen, aber ihre Arbeit gilt nicht den Bauarbeiten im Inter­esse des allgemeinen Wohlstandes, sondern sie bereiten mit ihren Schaufeln nur das Grab des durch seine irdischen Ideale geblendeten Menschen vor. Gretchen siegt nicht über die Vergänglichkeit, sondern vernichtet die List des Teufels. Faust erlebt durch ein persönliches Leben das Leben der ganzen Menschheit. Adam und Eva gehen dagegen aus dem „allgemein Menschlichen" aus und erleben in den histo­rischen Szenen durch den Jedermann-Gedan­ken das Persönliche. Gretchen wird durch ihr individuelles Lebensschicksal zum Ideal des Ewig Weiblichen und der Treue, Adam und Eva aber sind sozusagen „Teilerscheinungen" ein und desselben Menschen, des „Menschen" im allgemeinen Sinne, Everymans und durch diesen Sammelbegriff der gesamten „Mensch­heit." Ja, wenn wir noch weiter in die wahre Wesentlichkeit des mächtigen philosophischen Gedichtes eindringen wollen, so muss es uns auffallen, dass am Anfang der Tragödie des Menschen" die Erzengel Michael, Gabriel und Rafael irt ihren Preisliedern eigentlich Gott, den Gedanken, die Kraft und die Güte loben, also den Gott der „Dreieinigkeit", dessen Geist hier der menschlichen Seele entsprechend ebenfalls drei Seelenkräfte besitzt : die Gedankenwelt, deren Absolutum die Wahrheit ist, die Willens­kraft, d. h. die Tat, deren Urzweck das Abso­lutum des übermenschlich Guten ist und die Gefühlswelt mit ihrem Ideal der göttlichen In­spiration, des dritten absoluten Wertbegriffes,

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