KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)
VII. „Die Tragödie des Menschen" von Madách und die „historische Einzelbilderreihe" des modernen Totentanzes
der Schönheit. Und der Mensch, Everyman, „die Menschheit", deren „Tragödie" uns Madách in seinem Werke abspielt, ist mit der menschlichen Gedankenwelt, Willenskraft und Gefühlswelt eigentlich die irdische Widerspiegelung des göttlichen Geistes. Und in diesem Zusammenhange sind Luzifer, Adam und Eva der Tragödie von Madách eigentlich ein und derselbe Mensch, Everyman, in seinen drei geistigen Eigenschaften. Luzifer ist der aufgeklärte menschliche Verstand, der nur das Greifbare für eine Realität hält, der alles kalt berechnend nur in der logischen Folge von Ursachen und Konklusionen lebt, alles bekrittelt und durch den sich der menschliche Wille, Adam, gegen das Bewusstsein der Abhängigkeit des Menschen von Gott und Natur auflehnt. Vom menschlich abgegrenzten Verstand verführt versucht der menschliche Wille (Adam) sich von Gott zu trennen und sich auf die eigene Kraft verlassend die Welt zu erobern. Und dies versucht er im Dienste der höchsten Ideen der Weltgeschichte, die er alle nur auf die eigene, beschränkte Kraft gestützt verwirklichen möchte. Deswegen müssen sämtliche Traumbilder ein tragisches Ende haben, da sich doch der menschliche Wille (Adam) in seiner Bestrebung schicksalsmässig verrechnet und in dem sich immer erneuernden Kampfe um ein noch höheres Ideal bei jeder Gelegenheit die Begrenztheit und das Unvermögen der menschlichen Schaffenskraft erfahren muss. Was aber der menschliche Verstand (Luzifer) in den geschichtlichen Szenen des aussichtslosen Ringens der Menschheit gegen Vergänglichkeit und Vernichtung mit grellen Farben ausmalt, um Adam in die Verzweiflung zu jagen, ihn der letzten Hoffnung zu berauben, das kann den Menschen, dessen Willenskraft (Adam) sich von Natur aus nach einer Apotheose im übermenschlichen Geist Gottes sehnt, nicht befriedigen. Mit der Hilfe seiner Gefühlswelt, seiner treuen Helferin im Kampfe, also durch die Vermittlung Evas, bemerkt er in den Traumbildern trotz der pessimistischen Einstellung das Spiegelbild eines Strahls der Hoffnung auf den letzten Endes doch errungenen Sieg der Ewigen Schönheit, des Ewig Weiblichen, in welchem übersinnlichen Lichtstrahl sich ewig und unaufhaltsam die Sehnsucht des absolut geistig-göttlichen Wesens kundgibt, sich in der Materie, in dem Irdischen zu verkörperlichen und greifbar zu machen und in dem Vermittler zwischen Geist und Materie, dem Menschen, sein Spiegelbild zu finden, in welchem übersinnlichen Lichtstrahl sich aber auch zugleich die unstillbare Sehnsucht der Materie und alles Irdischen offenbart, sich gerade durch den geistigkörperlichen Vermittler zwischen Himmel und Erde, den Menschen, im Ungreifbaren, im Absoluten, im Göttlichen verherrlicht zu sehen. Die menschliche Gefühlswelt, die Verkörperung alles Irdisch-Himmlischen und Himmlisch-Irdischen in Eva, ist in ihrer Sehnsucht nach einer unbegrenzten Entfaltung in der göttlichen Welt des Absolut Schönen die Ursache, warum Luzifer, der Geist der Verneinung, die Macht über Menschheit und Welt an sich reisst, bleibt aber im Laufe des ganzen Stückes gleichsam ein Gegenpol Luzifers und leitet auch zum Schluss den ganzen Menschen, also Adam ebenso wie Luzifer, in den Dienst Gottes zurück. Die vierte handelnde Person des Stückes ist „Die Stimme Gottes". Sie sammelt die drei menschlichen und in ihrer gegen Gott gerichteten Auflehnung verderblichen Seelenkräfte wieder in eine göttliche Harmonie, von deren Standpunkt aus gesehen die scheinbar zwecklosen Kämpfe der Menschheit wieder ihren richtigen und erhabenen Sinn erhalten. Die „Stimme des Herrn" stellt dem menschlichen Verstand den Glauben, dieses mystisch-übernatürliche Wissen, als höchstes Ziel hin, die menschliche Willens- und Schaffenskraft verherrlicht sie durch einen Blick auf die übermenschlichen Ideale und für die menschliche Gefühlswelt steht der Weg zu einem Ideal offen, welches Goethe ebenfalls als das „Ewig Weibliche" bezeichnet und welches auch in der „Tragödie des Menschen" von Madách durch Eva verkörperlicht wird. Ein merkwürdiger Zufall, dass auch Prof. Dr. Karl Gabler in seinem Werke „Faust-Mephisto, der deutsche Mensch" 1 in Bezug auf die Zwiegestalt „Faust-Mephisto" zu einem ähnlichen Ergebnis gelingt, indem er zu beweisen versucht, dass Mephisto eigentlich das andere Ich des Faust darstellt. In der zwölften Szene erlebt Adam das sog. „Phalanster"-System, den Kommunismus. Land, Volk sind veraltete Begriffe. Die ganze Erde ist die Heimat des Menschen und jeder Mensch ist Genosse zum Gemeinzweck. Adam misst schmerzlich die herrliche Idee des Vaterlandes, denn der Mensch braucht Schranke, scheut Unendlichkeit, „Verliert an innerem Gehalt, wenn er / Sich in die Weite schrenkenlos verliert". Nachdem sich Luzifer und Adam den im Phalanster Befindlichen ähnlich verwandelt haben, begrüssen sie den Gelehrten, der in einem Museum, voll verschiedener naturwissenschaftlicher Gegenstände, mechanischer und chemischer Apparate und anderer Raritäten, arbeitet. Luzifer gibt sich und seinen Kameraden, als zwei Gelehrten-Kandidate des tausendsten Phalansters aus. Adam knüpft seine Wissbegier an kein Fach, er begehrt volle Übersicht. Nach der Meinung des Gelehrten ist das schon ein Fehler. Im Kleinen steckt das Grosse. Für den Mittelpunkt des Lebens hält er die Chemie. Er zeigt den beiden Fremdlingen sein Museum. Das Pferd, der Hund, der Ochse, der Löwe, sind längst ausgestorbene Rassen der Tierwelt. Man liess sie zugrundegehen, weil sie nicht genug nützlich waren. Nur das Schwein und das Schaf sind geblieben, die lebendige Fette, 1 Bertin, 1938. Th. Fritsch Verl.