KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

IV. Der germanische Toten-Tanz

als, wie der Tod in der Tankred-Szene der „Tragödie des Menschen". In einem ganz modernen Milieu lässt Bier­baum die Totengeister im Gedicht „Maestro Tod" erscheinen.' Die Toten sind die unsichtbaren Musiker eines modernen Orchesters. Ihr Diri­gent ist der Tod. Fröhlich weht der feurige Tanz. Plötzlich verstummt die lustige Weise des Wal­zers . . . Man vernimmt einen dumpfen, schwe­ren Ton, der durch die Luft braust. Die wild kreisenden Paare bleiben stehen. Das gelbe Gaslicht löscht aus, ein Eiswind fegt durch den Saal. „Wir blickten auf : Im Phosphorlichte stand Der nackte Tod am Dirigentenpult. Er stand verschränkten Arms und lächelte. Dann brach behutsam eine Rippe er Aus seinem Brustkorb, klopfte leise auf Und dirigierte, hingegeben ganz Den Tönen, die nur er vernahm, entzückt. In seinen Hüftenknocken wiegte er sich Und nahm das Tempo langsam bald, bald [schnell, Rief bald die unsichtbaren Bläser an, Bald winkte er den Geigern. Hob und [senkte sich Auf seinen Knochenbeinen, zierlich, ganz [Musik ..." Die Gesellschaft steht eine Weile staunend, vom Schrecken starr, beginnt sich aber bald unbe­wusst auf den Takt der unhörbaren Musik zu bewegen. Alles macht die Bewegungen des To­des ungewollt nach. Dieser Tanz überholt an Schönheit alle andere Tänze, denn die Tänzer fühlen bald die „Seligkeit des Blattes, das vom Baum / In schwanken Kreisen herbstlich nie­derweht". Nach der Darstellung des Dichters soll die Nirvana, das gänzliche Aufgehen ins Nichts eine ganz possierliche Unterhaltung der Menschen sein. Trotz alledem ist das Motiv des phosphoreszierenden Skelettes, der unsichtbaren Musiker, der unhörbaren Musik genial und in dieser Ausbildung auch originell. Auch in der Sage von Neueberstein tanzt die Menge geräusch­los auf die Weisen einer unhörbaren Musik. Nach der Lübecker Sage erscheint der Tod des Todes-Tanzes von einem dumpfen Geräusch begleitet (Traun). Bei Chamisso wüten die To­tengeister auch in der Finsternis. Das Erlöschen der Gaslampen ist ein Zeichen, dass im Saale Geister zugegen sind. Auf einem Totentanzbilde von Rethel spielt der Tod auch auf einem Kno­chen, wie auf einer Violine. Ein galanter und höflicher Postilion ist der Tod in einem anderen Gedichte von Bierbaum : „Des atten Weibleins Lied vom Schwager Tod". 2 Er tritt also in einem zeitlich bestimmbaren Mi­lieu auf. Er nimmt die alten Leute bei der Hand, hilft ihnen, in seinen Wagen einzusteigen. Er verlangt keinen Lohn, fährt schnell, verrät aber 1 0. J. Bierbaum : Irrgarten der Liebe. Berl. u. Leip­zig. 1901. Bilder und Träume. S. 186. 2 „Irrgarten der Liebe". „Durcheinander", S. 398. nicht, wohin. Das alte Weiblein nennt ihn „Herr Schwager", der sie ebenfalls aufnimmt und mit ihr blitzschnell in die ewige Ruhe fährt. Dass die Toten auf einem Wagen fahren, dessen Kutscher der Tod selber ist, das muss auf die ältesten germanischen Totensagen zurückgelei­tet werden. Der „Totenwagen" der alten my­thologischen Auffassung ist allgemein bekannt. Der „Haláltánc", der „Todes-Tanz" von Kozma Andor 3 ist eine der schönsten Dar­stellungen des ungarischen „wütenden Heeres", dessen Erscheinung in der Vision des Volkes die nahe Gefahr einer Revolution verkündet, dessen Anführer der geigenspielende Tod, der germanische „Quälgeist" ist, der in der Gestalt eines Toten aus seinem Grabe steigt. Die Uhr schlägt zwölf und im heulenden Wind steht der unbeugsame Tod und stimmt seine Geige : „Plim-plim . . . plam-plam". Anfangs spielt er nur langsam, aber seine Lieder werden immer feuriger und es beginnt der grosse Geisterball. Die Gräber öffnen sich und die klapperden Ge­rippe sammeln sich wankend und hüpfend um ihren Gebieter, den Tod. Sie reichen einander ihre Hände und bilden einen grossen Ketten­reigen. Das Dorf, das Land wendet sich an­fangs entsetzt von diesem Tanz ab. Aber die erwachenden Menschen fühlen, dass sie der Tanz des „wütenden Heeres" ins Verderben lockt. Alle werden vom Tanzorkan mitgerissen : der Landwirt, der Knecht, das Weib, der Mann, das Kind. Alle werden in den Reigen aufge­nommen und alle verlieren augenblicklich ihr Fleisch, ihr Blut und ihr Herz. Lebende und Tote haben in diesem Tanz dieselbe Skelettge­stalt. Der Tanz zieht durch das ganze Land und überall schreitet der wild musizierende Tod vor­an, überall wird alles in Brand gesteckt und je­der muss sterben, der diesen Tanz gesehen oder versucht hat. Die Tanzenden sind schon vor den Toren der Hauptstadt. Auch hier blei­ben sie nicht stehen, sie sind auch hier will­kommen. In der Stadt hat man diesen Tanz auch bisher getanzt, nur heimlich, vertohlen, hinter geschlossenen Türen. Auch wird dieser Tanz von allen nachgeäfft: vom Herrn, Diener Kut­scher, Reitknecht, Chauffeur, Friseur, vom Studen­ten, Bankier, Soldaten, von der Modedame — der Soziologie. Die Menge applaudiert, als sie den Tod und sein Gefolge erblickt. Jeder verlässt sein warmes Bett, um den Tanz zu sehen und alle schreien begeistert : „Das ist der grosse Sieges­tag !" Hie und da hört man auch: „Steckt die Nationalfahne auf 1" Aber ein Pülcher tritt das heilige Zeichen mit den Füssen und steckt ei­nen roten Fetzen auf, das Todes-Zeichen des verblödeten Volkes. Häuser in Flammen, um die Greise und Kinder kümmert sich niemand. Die Kirchen stürzen ein. Die Tore der Zucht­häuser werden geöffnet und neue Tänzer : Mör­der, Ungeheuer, Sündenkranke mischen sich in 3 Magyar Rhapsódiák. Budapest. 1920. S. 5—12; 21. Jänner 1919.

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