KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

IV. Der germanische Toten-Tanz

aufgebahrt und das den Wogen preisgegeben verbrannt wurde. Nach einem alten germanisch­mythologischen Glauben fährt der Tote auf die­sem Schiff in die Unterwelt und kehrt auch auf dem Totenschiff manchmal auf die Erde zurück. Auch Bechsteins „Wanderer" durchreist die Meere auf den Trümmern eines versunkenen Schiffes. 1 Im Rahmen der Totensagen aus Autun, Gsteig, Gefrees, Salzburg von den nachts in einer Kirche unter der Führung eines Geistli­chen betenden Toten erscheinen im Gedicht „Traum" von Adalbert von Chamisso 2 weltbe­kannte Tote, die in ihrem Leben einen ruhm­vollen historischen Namen gehabt haben. Der Dichter hört im Schlafe, dass ihn eine Stimme beim Namen ruft. Als er erwacht, steht ein blond­gelockter Jüngling zu Häupten seines Bettes und fordert ihn aufzustehen und ihm zu folgen. Er hat ein Schwert und eine Waage in seiner Hand. Er ist der antike Jünglingstod, der durch die Theorie Lessings allgemein bekannt wurde. Der Dichter ging des Weges, den ihm der Jüng­ling zeigte. Er trat in das Münster, dessen In­neres ebenso erhellt war, wie in den verschie­denen Sagen ; Geläute und Orgelton erschallten, wie die Posaune des Gerichtes. Plötzlich stand der Dichter vor dem Tor des Münsters, zwi­schen Gräbern, die Torflügel öffneten sich von selbst, ein Priester trat mit einer Kerze in der Hand zum Dichter und führte ihn durch ein offenes Grab, das sich zum Eingang bot, in eine unterirdische Höhle, die sich immer höher wölbte und zu einem unermesslichen Raum wuchs. In der Mitte stand ein Tisch, ein Stuhl, am Tische Schreibzeug und rund herum lagen in unab­sehbaren Reihen die Särge dicht nebeneinan­der. Der Führer wies dem Dichter den Platz an dem Tisch an. Da rief plötzlich eine dröhnende Stimme durch den Raum und begann die To­ten vorzuladen. Der heraufbeschworene Tote stieg sofort aus seinem Sarge und stellte sich wie schlaftrunken vor den Dichter. Die Stimme tat die schrecklichsten Fragen, die sich auf das Leben des Toten bezogen, und der Tote ant­wortete getreu die traurige Wahrheit. Der Dich­ter verfasste das Protokoll zum Verhör. Da er­schien Franklin, Washington, Ludwig XVI., der Dulder, Necker, Mirabeau, das blutbefleckte Schreckenbild Robespierre's, endlich erklang auch der mächtige Namen : Napoleon ! Viele Toten sprangen aus ihren Gräbern, als sie die­sen Namen vernommen haben, und drängten sich um ihn und um den Tisch, begierig den gewaltigsten Menschen der Welt zu sehen. Ver­gebens forderte der Dichter die Toten auf, in ihre Särge zurückzukehren. Er streckte seine Hand aus, um sie zurückzukalten, warf aber unversehens die Lampe um. Nun warf sich die 1 Zedlitz : „Die nächtliche Heerschau" : Kluge. Aus­wahl S. 307—308, zuerst hg. in der Sammlung „Toten­kränze" 1827. ! Kürschner: Nat. Lit. Bd. 148. S. 291 ff.; „Gedichte" 1831. S. 283. schreckliche Schar der kalten Leichen über den Dichter und eilte unaufhaltsam in die Särge zu­rück. Der Dichter wachte voll Entsetzen auf und erinnerte sich an die wunderbare Gestalt Napoleons, der auf den Knauf eines zerbroche­nen Schwertes gestützt, im zerrissenen Purpur stolz und bleich erschien. Die Vision, der Traum ist eine schon bei H. Sachs bekannte Fiktion. Die Kerze und Lampe, das Licht, sind Motive der Sagen, in denen die Toten den Lebenden erst in der Finsternis überfallen, um ihn zu tö­ten. Das Licht verscheucht die Geister. Die Form des Verhörs ist eine originelle Erfindung des Dichters. Was würde man alles hören, wenn man alle jene gestorbenen Grössen über ihr Leben befragen könnte ? — das ist der Grundgedanke. Auch in der Ballade „Hídavatás", „Brük­keniveihe" , des ungarischen Dichters Job. Arany 3 tritt Blücher, der Napoleon besiegt hat, im wild tanzenden „wütenden Heer" auf. In einer an­deren Ballade „A rodostói temető" 4 will der­selbe Dichter die Grundideen, die Ideale, wel­che zur Zeit des 48-er Freiheitskrieges in Un­garn geltend gemacht wurden, durch die fröh­liche Wiederkehr des grossen Freiheitskämpfers, Franz Rákóczi darstellen, der i. J. 1717 vom Sultan eingeladen samt seinem Gefolge nach Rodostó übersiedelte und dort im schmählichen Exil sein Leben beendet hat. — Mitternacht. Die Toten pflegen nur zu dieser Zeit aus ihren en­gen Gräbern zu schlüpfen. Aus Osten naht eine Heldengestalt, mit flammendem Gesicht, mit glüh­endem Blick und ruft mit schmetternder Stim­me den Toten zu : „Auf, auf, ihr Toten, auf zur nächtlichen Wanderung ! Franz Rákóczi ruft euch, der Geist der Freiheit I" — Und die Toten erwachen. Wankend steigen sie aus ih­ren Gräbern und sammeln sich wortlos um ihren Feldherrn, der sie ermahnt, die Trauer zu vergessen, da in Ungarn die Freiheit wieder einen Sieg errang. Arany hat das Motiv des „wüten­den Heeres" auf den ungarischen Nationalhel­den Franz Rákóczi und auf sein Gefolge über­tragen. Der Führer der Geister ist Rákóczi sel­ber. Wie vom Sturm verfolgt, fliegt das kleine Heer am Firmament schnell über viele Länder. Der Körper der Geister ist federleicht. Auch das „wütende Heer" der ungarischen Flüchtlinge singt, aber ein Lied der Freiheit. Indem die Geister über der Stadt Buda ihren Hymnus auf die Freiheit anstimmen, begleiten sie den Ge­sang mit einem stolzen, gespensterhaften Tanz. Das erinnert an die Volkssage in Neueberstein. Auch dieses ungarische „wütende Heer" ver­schwindet mit dem ersten Morgenrot. Und wenn der Hahn das drittemal kräht, laufen die Ge­spenster auseinander, wie der Nebel sich zer­teilt, wenn ihn die ersten Strahlen der Sonne berühren. Die Toten sind hier Vertreter einer Zeitanschauung, eines Volksgeistes, eines Ide­J 22. Aug. 1877. 4 „Der Kirchhof in Rodostó" ; Juli 1848. Remekírók : Bd. 41. I. S. 61 ff.

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