KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

IV. Der germanische Toten-Tanz

ger wollten einst in Autun abends in der St. Stephanus Kirche ihre Andacht verrichten. In der Nähe der Kirche hören sie plötzlich einen w un­derschönen Gesang und die Kirche ist beleuchtet. Sie eilen in die Kirche und setzen sich in eine Ecke und bewundern die schönen Harmonien. Als sie gebetet haben, wollten sie die Kirche wieder verlassen. Da sahen sie voll Erstaunen, dass alle Menschen, die sich hier versammel­ten, ihnen ganz unbekannt sind. Ihre Gesichts­farbe ist auffällig blass. Da näherte sich ihnen einer der Versammelten und sagte : „Ihr habet Unrecht, uns in unseren heimlichen Gebeten zu stören ; geht alsobald weg, sonst müsset ihr sterben". Der eine Bürger lief entsetzt da­von, während der andere noch zurückblieb und dieser starb auch bald nachher. 1 Thietmar, der Bischof von Merseburg (gest. 1018) erzählt, dass ein Geistlicher in Wallisleo (Walsleben) — als er morgens zur Messe kam — eine grosse Schar von Menschen vor der Kirchentür traf, die alle mit Opfergaben in der Hand auf ihn zu warten schienen. Er kann­te niemanden und eilte, ohne stehen zu bleiben, in die Sakristei. Da begegnete er einer ihm be­kannten frühverstorbenen Frau, die ihm seinen nahen Tod vorausgesagt hat. Und dieser Geist­liche starb bald nachher. Zur Zeit Thietmars hat auch der Wächter einer Kirche Magdeburgs eine ähnliche Erscheinung gehabt. Er meldete es aber dem Magistrat, dass der Friedhof nächt­lich sehr unruhig sei. Der Magistrat zog zum Friedhof hinaus und erblickte von ferne ste­hend aufgesteckte Lichter und die Geister san­gen den 15. Psalm als Morgenlobgesang. Als der Magistrat sich dem Kirchhof näherte, sind die Lichter verschwunden und auch der Ge­sang war nicht mehr hörbar. 2 Die in der Kirche oder im Kirchhof ver­sammelten Toten sind manchmal für einen Le­benden unsichtbar. Aber durch Anwendung ver-, schiedener Zaubermittel werden die Toten sicht­bar. Nach der Sage soll der tote Pfarrer von Gsteig im Berner Oberlande unsichtbar auf der Kanzel stehen und — wenn kein Lebender in der Kirche ist — den Toten, die sich unsicht­bar in der Kirche versammeln, predigen. Wer dies sehen will, der muss mit einem Menschen­knochen auf der linken Achsel rückwärts in die Kirche treten, dann wird er den Pfarrer, sowie auch die Toten sehen können. 3 Die Toten können es nicht leiden, dass ein Lebender sie beobachtet. Deswegen wird auch die Kirche zur Zeit des ersten Glocken­geläutes, das die Lebenden in die Kirche ruft, von den betenden Toten verlassen. Wenn sie aber von einem Lebenden doch gesehen wer­den, so rächen sie sich. In Gefrees wollte ein Mädchen ihre tote Mutter sehen. Kaum setzte 1 Henne-am Rhyn : Nr. 906. Gregor. Turon. de glo­ria confessorum. 2 Ditm. I. Buch 7.; Henne-am Rhyn : Nr. 907. 3 Sonntagspost. 25. Dez. 1864. S. 7.; Henne-am Rhyn : Nr. 909. sich das Mädchen in der Kirche auf den Platz ihrer Mutter, erschien schon das „Nachtvolk". Alle Toten nahmen ihren gewohnten Platz ein. Die Andacht begann. Da klopfte jemand plötz­lich auf ihre Schulter. Es war ihre Mutter, die ihre Tochter ermahnte, die Kirche sofort zu ver­lassen und bat sie, ihr Tuch vor dem Kirchen­tor zu lassen. Morgens fand man das Tuch in kleine Stücke zerrissen. Die Toten haben sich — anstatt das Mädchen zu töten — an ihrem Tuch gerächt. 4 Nach einigen Sagen sind die Toten sehr wohlwollend und gutherzig einem Lebenden ge­genüber. Sie können dem Lebenden nichts antun. Oder sie sind feindlich gesinnt und schleppen die Lebenden mit sich in die Gräber. In dieser Form nähert sich diese Sage schon dem mittel­alterlichen Toten-Tanz, da in der Vision eines Lebenden vielmals selbst Lebende von den To­ten in den Kirchhof gelockt werden, was mei­stens das Einbrechen einer grossen Seuche, eines grossen „Sterbens" bedeutet. Die Toten sammeln sich nicht nur in den Kirchen oder Kirchhöfen, sondern sie wandern in die Stadt und ziehen nachts — wie in einer Prozession — singend, betend, von einer Ge­gend in die andere. Ihre Stimme gleicht dem Rö­cheln und ihr Gesang ist schwermütig, sie stöh­nen und jammern. Ihr Gesang gleicht sehr dem Unkenruf. Manchmal ziehen aber die Toten ganz lautlos und ohne zu singen, ohne irgendeine Musikbegleitung tanzend, mit leichten rhythmi­schen Bewegungen weiter. Die dem Menschen feindlich gesinnten To­ten haben meistens einen Führer, dessen Gestalt in den germanischen Sagen bis auf Odin zurück­zuführen ist. Während die guten Geister des „Nachtvolkes" , die „bi nacht gehuffeter oder scha­renwyss durch die Stett, Dörfer ouch durch die Bergen alpen und Einöden wandlent", nicht feindlich sind, denn „die durch Unfäl, Kriegs­oder Nach-richters-Gewalt sturbent vor irem vor­gesetzten zil . . . wären ouch dem Menschen gar fründlich und unmuotig, käment nachts in die Hüser deren, die Guots von inen redtent vnd vff inen hieltend. füwretend, kochetend, ässent vnd fuorend dannen wider drvon" 5, verfolgen die wilden Geister des „wütenden Heeres", so­wie ihr Anführer, „der wilde Jäger" (Odin) jeden Lebenden, der ihnen begegnet. In der Gegend von Klosterlausnitz soll man manchmal den fernen Klang der Glocken hören. An der Jakobseiche, in der Gegend der . wüsten Waldkapelle flimmert es durch die Äste der Bäume. Vor dem nächtlichen Wanderer erhebt sich plötzlich eine kleine zierliche Kapelle, de­ren Tor sich lautlos öffnet. Alte, weissbärtige Mönche nahen in langen Reihen einen Sarg tra­gend, auf dessen Deckel ein leuchtendes Chri­stusbild steht. 6 Diese seltsame Prozession zieht 4 Schönwert ; Henne-am Rhyn : 910. 6 Zitat von Lütolf ; Henne-am Rhyn : Nr. 914. 6 Henne-am Rhyn: Nr. 921b; Eisel, Voigtl. S. 111 if.

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