KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE III. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 7. (Budapest, 1941)

IV. Der germanische Toten-Tanz

nur für die Entstehung des Toten Tanzes grund­legende Bedeutung hatten, sondern auch im modernen Totentanz massgebende Rolle spie­len. Jn der Untersuchung halte ich mich an die Sammlung von Henne-am Rhyn. 1 Obwohl anfänglich die Totensagen mit dem Toten-Tanz nicht identisch waren, wurden die Toten des Toten-Tanzes mit den Toten der Sage in Volksliedern verglichen, — und da scheint jenes Bewusstsein mitgewirkt zu haben, dass der Toten-Tanz eine Erweiterung jener Varia­tion der Gesamtlegende sei, in der die Toten des Kirchhofs ebenso auferstehen und die un­gerechte Ruhestörung rächen, wie in den hier folgenden meisten Totensagen. Die meisten Totensagen haben heidnisch­mythologische Entsprechungen, die in der Grimm­Mythologie mit grossem Kunstsinn zusammen­gestellt, und auch seitdem in den neuesten my­thologischen Studien durch die Ergebnisse der modernen Archäologie unterstützt sehr wahr­scheinlich gemacht wurden. Die ältesten Motive finden sich im Sagen­kreis von dem zu seiner Geliebten wiederkeh­renden Bräutigam. Schon im XXIII. Totenge­spräch von Luzian wird erzählt, dass Protesi­laus von Pluto die Erlaubnis bekommt, auf einen Tag zu seiner Frau zurückkehren zu dürfen. Damit er aber nicht mit seinem kahlen Schädel und in seiner Skelettgestalt vor seiner Frau er­scheinen muss, berührt ihn Merkur mit seinem Stab und er wird wieder so schön, wie er war. In den Edda-Liedern tötet der Wälsung, Helgi, der Sohn Sigmunds und Borghildes, dem Rat einer Walküre folgend, den Bräutigam des Mädchens, Sigrun. Der Vater Sigruns hat nämlich seine Tochter ohne ihre Einwilligung dem Haud­brodd versprochen. Das Mädchen aber liebt Helgi. Odin gibt eirte Lanze dem Bruder Sigruns ; dieser — namens Dag — tötet Helgi. Sigrun trauert und geht, wie im Wahnsinn, jedem Menschen aus dem Weg. Erst als Helgi nächtlich aus dem Grabe steigt und auf seinem Pferde Vig­blör zu seiner Geliebten reitet, kehrt die Fröh­lichkeit wieder in das Herz Sigruns zurück. Das Dienstmädchen Sigruns sieht, wie sich ein Grabhügel vor Helgi und seinem Gefolge öffnet und wie er sich hinter den Toten, die in der Öffnung verschwunden sind, wieder schliesst. Als Sigrun dies erfährt, eilt sie schnell zum Grab­hügel. Helgi umarmt und küsst seine Geliebte, die sein reifdurchdrungenes Haar, seinen blut­besprengten Leib und seine kalten Hände be­klagt. Helgi erklärt ihr, dass seine Haare des­wegen so feucht sind, weil die Tränen seiner Geliebten seinen Sarg ganz gefüllt haben. Sig­run bleibt die ganze Nacht mit ihrem toten Bräu­tigam im Grabmahl und legt sich auf ein Bett, 1 Otto Henne-am Rhyn : Die deutsche Volkssage. Hartleben. 1879. vgl. auch: Sagen aus dem germanischen Altertum, hg. von G. Neckel. Leipzig 1935: Vermischte Sagen hg. von demselben. Leipzig 1936. Beide Bände in der Reihe „Deutsche Sagen" (Bd. I, III.) der „Deutschen Literatur" Phil.. Reclam jun. Leipz. das man ihr neben dem Grabe aufgestellt hat. Bevor aber der Morgen naht und „Salgofnir das Siegervolk weckt", muss Helgi's Geist westlich von Vinehialmurs Brücke sein und verlässt ei­ligst seine Geliebte, die bald nachher aus Gram stirbt. 2 In einer isländischen Sage stirbt der Bräu­tigam durch einen Zufall. Der Jüngling verspricht seiner Geliebten, sie am Weihnachtsabend auf die Mette zu begleiten. Er machte sich zu Pferde auf den Weg und als er sich über einen an­geschwollenen Bach setzen wollte, glitt er vom Rücken des Gauls und wurde von einer Eis­scholle erschlagen. — Das Mädchen wartet um­sonst auf ihn. Die Mette hat schon begonnen. Endlich erscheint der Geliebte auf der Land­strasse, hebt das Mädchen mit finsterem Blick auf sein Ross. Als sie zur Kirche reiten, sagt der Jüngling mit dumpf dröhnender Stimme : „Der Mond gleitet, der Tod (!) reitet; siehst du nicht den weissen Fleck in meinem Nacken, Garun, Garun ?" — Nur nebenbei soll bemerkt werden, dass in diesem Gedicht ein Toter mit dem Namen „Tod" genannt wird. Also auch der Tote der Totensäge leidet unter der irrtüm­lichen Verwechslung des Todes und der Toten, sowie im „Todtentanz" (Toten-Todes-Tanz) des Mittelalters. —* Erst dann wird das Mädchen von einer furchtbaren Ahnung gequält, als sie vor dem Kirchhofseingang der Kirche neben der Kirchhofsglocke ein offenes Grab erblickt. Noch mehr wurde ihr ängstlich zu Mute, als das Pferd vor dem Grab stehen blieb und der Bräutigam sagte : „Warte hier, Garun, Garun, bis ich den Mähner, den Mähner, ostwärts über den Zaun, den Zaun hinausbringe." Da verschwand das Ross unter dem Mädchen und es wäre in das Grab gefallen, wenn es das Glockenseil nicht erwischt hätte. Kaum läutete aber die Glocke, verschwand auch das Gespenst und das Mäd­chen war gerettet. 3 Hier kommt jener germani­sche Volksglaube zur Geltung, dass der Tote wieder auf der Erde erscheinen kann, um sein gegebenes Versprechen einzuhalten, in des­sen Erfüllung ihn der Tod verhindert hat. Un­sere Aufmerksamkeit verdient auch jenes Mo­tiv, dass der Tote den Lebenden mit sich in das Grab schleppen will. Dasselbe Motiv der Volkssage wurde schon im Toten-Tanz und auch in der Toten-Vision der Gesamtlegende (Trient, Basel, Berlin) grundlegend verwendet. In einem schwedischen Lied ist Christel und ihre Mutter in ihrem kleinen Zimmer be­schäftigt, als der Tote Bräutigam nachts an die Tür klopft und um Einlass bittet. Christel lässt ihn herein, setzt ihn auf einen kleinen Schrein und wäscht ihm seine Füsse mit klarstem Wein. 2 Henne-am Rhyn : Nr. 932 : Helga kwidha Hun­dingsbana önnur IV. vgl. Die Edda. I. Heldendichtung. 0­bertragen von Felix Genzmer. Erschienen 1934 in der Reihe „Thüle" bei Eugen Diederichs Verl., in Jena ; S 143 if. Nr. 19. Die ältere Dichtung von Helgi dem Hundingstöter. 3 Maurer : Isländische Volkssagen. Henne-am Rhyn: Nr. 933.

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