KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur

here oder fernere Verwandte von Klosterleuten wenden, um sie ihres draussen im weltlichen Leben geführten un­sittlichen Lebens wegen mit strengen Worten zu züchti­gen, und welche anonym geschriebene Briefe oder Ge­dichte die Adressaten entweder durch Strenge oder durch süsse Milde für eine sittsamere Lebensführung und für Busse im Kloster zu jeder Zeit mit viel Erfolg überreden konnten. Wer mag wohl dieser Dichter gewesen sein ? Ich glaube, später, weiter unten auf diese Frage mit einer wohlbegründeten Theorie antworten zu können. Soviel kann ich aber schon jetzt sagen, dass Bernard Ithier von Limoges, der „armarius" von St. Martial, das Gedicht nicht selber gedichtet, aber i. J. 1207 gerade des­wegen abgeschrieben hat, weil es für ihn noch eine „Neuigkeit" war, weil er den Text vielleicht auch selber irgendeinem gewalttätigen Adeligen gegenüber verwenden wollte, — die adeligen Familien der Umgebung von Li­moges waren ja zu seiner Zeit von ihrer räuberischen Habgier noch immer sehr verrufen 1 Das Gedicht, welches dem Bernardus Ithier auch der Versform halber sehr zu­sagte, musste also einige Jahre oder höchstens ein oder zwei Jahrzehnte vor 1207 entstanden sein. Der Dichter ist also in den letzten zwei Jahrzehnten des XII. Jahrhun­derts zu suchen, — es muss aber ein Dichter sein, der selbst am königlichen Hofe, im Kreise der Adeligen und in den Klöstern wohl bekannt war, und über den ein allgemeines Gerede herumging, dass er seine Freunde, sowie die kirchlichen und weltlichen Zustände seiner Zeit in anonymen Gedichten oder Schriften anzugreifen pflegt ! Wie kam aber das Gedicht trotzdem zu einem Dich­ter, namens „Bernardus" ? Vor allem, weil das Gedicht ursprünglich anonym verfasst wurde und somit der Dichter selbst für die un­glaublichsten Vermutungen einen freien Spielraum frei­liess 1 Aber ich möchte mit E. Schröder 1 darauf hinweisen, dass Wdhelm Meyer in der Einleitung zu Radewins Theo­philus 2 über die verschiedenen Arten des gereimten He­xameters sprechend auch über unser Gedicht „Chartula nostra" schreibt. 3 Es kann mir ja erspart bleiben, genau aufzuzählen, welche Hexameterformen sich in unserem Gedichte befinden. Die Hauptsache ist, dass die gewöhn­lichen Leonini und Caudati über Vierfünftel des Ganzen ausmachen" (VV. 305), dass „die Reihen der Leonini oder Caudati an bedeutungsvollen Stellen durch klangvollere Reimverse unterbrochen werden", dass diese Versform eine Mode des XII. Jahrhunderts ist und dass besonders die Verse 204—215 zwölf „Tripertiti Dactylici caudati" aufweisen, und dass diese letzte Form auch an anderen Stellen des Gedichtes ihren Einfluss zeigt. Schröder be­hauptet, dass besonders diese „Tripertiti Dactylici caudati für Alter und Herkunft des Gedichtes hervorragend cha­rakteristisch" sind. Denn seit Mitte des XII. Jahrhunderts ist diese Versform in Frankreich zu einer Mode gewor­den, und niemand anderer hat diese Mode eingeführt, als — Bernhard von Morias, dessen Contemptus-mundi-Werk wir weiter oben (S. 125) schon besprochen haben I Ich zitiere weiter E. Schröder S. 339—340, denn für unsere späteren Untersuchungen muss uns dieser Teil seiner Abhandlung sehr grosse Dienste leisten r „Bernhard von Morias, der um 1140 auf den schrecklichen Einfall kam, in dieser Versart ein umfangreiches Werk „De contemptu mundi" in 3 Büchern (fast 3000 Versen) zu schreiben und, wie es die Widmung an den Cluniazenserabt Peter zeigt, sehr stolz auf diese Leistung war, betont ausdrücklich, 4 dass das kunstvolle Metrum vor ihm nur ganz gelegent­lich von Hildebert von Lavardin in 4 Versen seiner „Maria Aegyptiaca" 5 und ausserdem von Wichard von 1 A. a. 0. S. 338-340. 2 Münchener Sitzungs-Berichte d. phil.-hist. Classe 1873, I. S. 70 ff; und „Gesammelte Abhandlungen" I, S. 79 ff. 3 S. 90 und 97. 4 Bei Whright, „The anglo-lalin satirical poets and epigrammatists II, S. 6. 5 Cant. IX, v. 612—615 ed. Beaueendre. 6 Es ist dies ein zuweilen dem Marbod, meist einem „Gualo Brito" zugeschriebenes Gedicht: „Ordo monasti­cus ecclesiasticus esse solebat . . ." Lyon „in sua illa contra quosdam satyra", aber auch nur in „plus minus triginta" Versen, angewandt worden sei. 0 Weiterhin treffen wir diese Verse in verschiedenen Ge­dichten, welche die Hss. dem Hildebert unterschieben ; so durchgehends in der Invective gegen die Frauen („Quam periculosa mulierum familiarilas"; bei Bernhard v. Morias und in unserem Gedichte „Chartula nostra" ebenfalls an­gewendet 1) bei Beaugendre col. 1353, welche wie man längst erkannt hat, viele Ausdrücke und ganze Versteile direkt dem Bernhard von Morias entnimmt, 7 und gruppen­weise in den „Versus de quo dam paupere" bei Beau­gendre col. 1327 ff. Weiter kenne ich durch Hauréau in s. „Notices et Extraits" V, 211 ff. den Canonikus von St. Omer Fierre le Peinire, insbesondere dessen widerwärtiges Gedicht „De ilia quae impudenter filium suum adamavit", wo sie s. 220 ff. begegnen : „Mater amabilis, insuperabi­lis ad meliora Te. precor, erige, factaque corrige deteriora" etc. Auf Frankreich und das 12. Jahrhundert weisen alle diese Belege hin, und da die älteste datierte Hs. unseres Gedichtes, die obendrein bereits eine voluminöse Fortset­zung bringt, dem Jahre 1207 angehört, 8 so ist dessen Ent­stehungszeit auch nach unten fest begrenzt. Den Franzosen scheinen auch gewisse Re.mbin­dungen zu verraten, obwohi ich ihr Vorkommen in Deutsch­land nicht bestreiten will : es wäre wunderbar, wenn sie in dieser internationalen Poesie auf Frankreich beschränkt geblieben wären. Ich denke dabei an Reimpaare wie abis­sum : ipsum 206 f. (vgl. afz. abisme : mei'sme) ; intus : ex­tinctus : cinctus 134.191 ; secum: equum 117 ; magno: damno 226f. (vgl. 259, 330), segnis : perennis 330". Zu dieser Stelle bei Schi öder möchte ich nur noch hinzufügen, dass diese Reime unbedingt einen französisch denkenden Verfasser verraten und wir können es mit Sicherheit behaupten, dass der Dichter ein Franzose war. Weiter möchte ich noch auf einen Umstand auf­merksam machen, der uns später sehr wichtig sein kann, dass die von Bernhard von Morias benützte und oben genannte Versform ihrem Wesen nach aus einer sehr kunstvoll, manchmal aber auch sehr gekünstelt zusammen­gefügten Reihenfolge von Wortspielen entwickelt worden ist, und dass auch in unserem Gedichte „Char­tula nostra" die Freude und Lust am Wortspiel sehr häufig vorkommt. Ich will an entsprechender Stelle darauf hinweisen. Unser kleinerer Contemptus mundi erwies sich also der Form nach als eine Nachahmung des schon behandelten mächtigen Contemptus­mundi-Werkes von Bernhardus v. Morias. Nun möchte ich nur darauf aufmerksam machen, dass unser Gedicht „Chartula nostra" auch dem Inhalte nach denselben Gedankengang aufweist, wie der grosse Contemptus mundi des Clunia­zensers Bernhard. Ja, es scheint, als ob der Dichter unseres Textes demjenigen des grösse­ren Contemptus mundi eine Konkurrenz ma­chen hätte wollen. Denn der Verfasser Bern­hardus Morlanensis hat ja sein Gedicht dem­selben Peter von Cluny gewidmet, der mit dem Zisterzienser S. Berhardus Claraevallensis be­freundet war und zu einer Zeit, als das Zi­sterzienserkloster von Citaux das Benediktiner­kloster von Cluny an Ruhm und Einfluss weit zu übertreffen schien. Zisterzienser und Bene­diktiner waren dann in der zweiten Hälfte des XII. Jahrhunderts miteinander wetteifernd be­strebt, die Führung im Klosterwesen an sich zu reissen. Selbst am Anfang des XIII. Jahr­hunderts haben sich ja noch die „weissen" 7 Gröber, Grdr. II 1, 376, vgl. Anm. 9, hält es irr­tümlich sogar für einen Ausschnitt daraus. 8 Bibl. nat. n°. 3549, Hauréau, „Poémes attribués ä Saint Bernard" p. 7.

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