KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

I. Die „Contemptus-Mundi"-Literatur

— 134­nostra" schrieb er weitere Gedichte ab, die nach seinem Gutdünken nicht die Rol'e eines „Anhanges" zum Con­temptus mundi spielen, sondern mit diesem ganz gleich­wertig sein sollten. Ja, ihm war der behandelte Gegen­stand ganz gleichgültig 1 Ich bin gezwungen, ganz kurz jene Bruchstücke aufzuzählen, die in diesem „Anhang" vorkommen, u. zw. nach Hauréau, damit ich der weiteren Forschung die Suche nach ähnlichen Erscheinungen auf dem Gebiete der Contemptus-mundi-Literatur erleichtere. Ich registriere nur ganz kurz die Versanfänge und Handschriften. Das erste Fragment zu unserem Contemptus-mundi­Werkchen ist ein Gedicht mit 13 Hexametern. Ich er­wähne es nur der Vollständigkeit wegen, da es bei Ber­nard Ithier fehlt. Anfang : In re terrena nihil est aliud nisi poena ... Es befindet sich in den Handschriften Pa­ris. Bibl. Nat. ms lat. 8023 (fol. 51) und 13468 (fol. 36, 131). Ein zweites Fragment aus 62 Hexametern, mit dem Anfang „Jerusalem ciuis, fragili dum corpore vivis" . . . steht in der Münchener Hschr. Clm. 3941. — Das dritte Fragment mit dem Anfang „Despice labentem mundum. fugito fugientem . . ." s. im Manuskript Saint-Omer ms. 115 (fol. 14). Weitere fünf Zeilen mit dem Anfang „0 di­ves. dives, non omni tempore vives . . .": Bern, ma. 519. Weitere hieher gehörige Fragmente sind nach Versan­fängen : a) „Plus amat exilium miseri miser orbis amator", b) „Quid genus et species, quid opes, quod fama vale­bit?"... c) Alea, Bacchus, amor meretricum reddit egen­tem . . ." — Dem gefeierten Schriftsteller und Dichter, Marbod, Bischof von Rennes (1035—1123), werden in einer Handschrift aus Saint-Gatien folgende Hexameter zugeschrieben: „Vitae praesentis si compara gaudia ven­tis, / Cum neutrum duret, nemo reprehendere curet. / Om­nis in hoc mundo fidens est sicut arundo, / Quam ventus agitat fluviusque simul labefactet . . ." Sie befinden sich in den Handschriften : Paris, Bibl. Nat. ms. lat. 2380 (fol. 123). 8023 (fol. 52), Bern 434, 702, 710, hier anonym l 1 — Endlich als letzten Teil aus dem von Bernard Ithier ko­pierten „Anhang" verzeichnet Hauréau das Gedicht : „Vos qui diligitis bona quae retinere nequitis / Et non diligitis quae perpetualia scitis, . . ." und macht auf folgende Hand­schriften aufmerksam : Paris, Bibl. Nat. ms. lat. 2380 (fol. 124), Wien ms. lat. 901, Bern 702, 710 (ebenfalls dem Marbod zugeschrieben). Zu diesen Hexametern sind noch jene 14 Zeilen zu rechnen, welche, — als Fragmente ver­schiedener Herkunft, — Hauréau in seiner erwähnten aus­gezeichneten Studie ebenfalls nach den Versanfängen auf­zählt : „Ut phgsicus fatur, parcus de morte levatur . . ." (darin möchte ich eine Allusion auf irgendein Vadomori­gedicht erblicken I). dann" „Sume cibum modice, modico natura tenetur ; / Sic carnem refice ne mens jejuna gra­vetur" 2 und zum Schluss elf Hexameter mit dem Anfang „Qui studet in nummis hic praefert infima summis . . , 3 Wenn wir nun zu unserem Contemptus mundi mit dem Anfang „Chartula nostra" zurückkehren, so muss dasselbe hervorgehoben werden, was auch E. Schröder in seiner genannten Abhandlung für sehr wichtig hält, 4 dass nämlich die Versform und der Sprachschatz des Ge­dichtes für die Verhältnisse Frankreichs im XII. Jahrhun­dert charakteristisch sind, dass also der Dichter irgend­ein französischer Mönchsdichter des ausgehenden XII. Jahrhunderts ist, der sich aus irgendwelchem Grunde nicht nennen wollte oder durfte, der diesen poetischen Brief vielleicht auf Bestellung für jemanden schrieb, des­sen jüngerer Bruder dieser „Rainaldus" sein musste, der aber kein Mann der Feder war. oder wenigstens die Fe­der nicht so gewandt führte, wie der Verfasser unseres Gedichtes, der sich vielleicht auch schon in einem ande­1 Vgl. Herrn. Hagen, Carmina medii aevi, S. 164; Hildeberti Opera et Marbodi opuscula : ed. Beaugendre col. 1572. 2 Vgl. Jean de Milan : Scola Salernilana, anno 1625, p. 136, 181 ; Paris, Bibl. Nat. ms. lat. 13468, fol. 131 ; Mazarine 593, fol. 24; weiter in den Carmina Bu­rana, sowie Erfurt, Cod. Nr. 46. 3 Paris, Bibl. Nat. ms. lat. 8023, fol. 54 ; anonym. 4 A. a. 0. S. 338, 339 und 340. ren, ähnlichen Falle dienstbereit zeigte und nun wieder einmal ein Gelegenheitsschreiben, ein Gelegenheitsgedicht zu verfassen genötigt wurde, da man ihn aufforderte, die­sen jungen und unerfahrenen „Rainaldus" auf die Ge­fahren des weltlichen Lebens aufmerksam zu machen. Auch Schröder gibt es zu, 6 dass unser Gedicht auf ihn den Eindruck einer „Gelegenheitsdichtung" macht, worauf sich auch der Anfang „Chartula nostra" bezieht. Der Dich­ter versetzt sich in die Lage des „älteren Bruders" und beginnt das Gedicht so: „Chartula nostra", d. h. „ich, dein Bruder, und mein Freund, der für mich dieses Ge­dicht schrieb", oder umgekehrt : „Ich, der Dichter, sowie dein Bruder, der dieses Gedicht bei mir bestellt hat". Im weiteren Laufe des Gedichtes spricht dann der Dichter den Adressaten für den Bruder in zweiter Person an. Später hat man statt des Namens das Wort „dilecte" ein­geschaltet, — wie dies auch in unserem weiter unten nach E. Schröder mitgeteilten Text der Fall ist. Ursprüng­lich hat unser Gedicht vielleicht auch keinen Titel gehabt, denn es war einfach eine „cartula", ein Flugblatt. Und in den Klosterschulen wurde daraus dann sicherlich ein „christlicher Warnungsbrief" für „jedermann", — ein Warnungsbrief, wie es noch kurz vor einigen Jahrzehnten die Sitte war, einen solchen an seine eigenen Lieben zu schicken. Einen solchen bei G. Mag in Frankfurt a. M. erschienen „christlichen Warnungsbrief" gedenke ich im III. Bd. meiner GTT S. 107 nach einer Abhandlung von V. Kirchner 6 in einem anderen zusammenhange zu be­sprechen. Der Dichter unseres Textes muss also ein sehr ge­wandter Schriftsteller und Dichter sein, der den Auftrag bekommen hat, an den jugendlichen Bruder irgendeines Klosterbewohners, vielleicht eines Ordensmitbruders, ei­nen „christlichen Warnungsbrief" zu schreiben und sein Gedicht erwarb sich in Klosterkreisen eine ungeheure Be­liebtheit, es wurde in den Klosterschulen den Klosterkna­ben als Lehrgegenstand vorgelegt, u. zw. als ein für die in der Klosterschule studierende Jugend sehr geeigneter, la­teinischer Text. Der Text aber war sicherlich nicht für die ganz kleinen Klosterknaben bestimmt, sondern eher für solche, die die Klosterschule bald zu verlassen hat­ten, — sonst hätte ja der Dichter seinem Gram gegen die Weiber nicht auf diese Weise Luft gemacht, wie er es Vs. 83 ff. tat. Er scheint auf diesem Gebiete bittere Erfahrungen gemacht zu haben und stellt sich als ein Beispiel hin, als hielte er sich für sehr kompetent, über dieses Thema zu sprechen, da ihm von vielerseits so mancher schöner Erfolg zugesprochen wird, andere vom Umgange mit den Weibern mit Leichtigkeit fernhalten zu können. Dieser Brief sollte also eher die schon erwach­senen Klosterschüler nach der Beendigung ihrer Schulzeit in das Leben begleiten sowie er auch den „Rainaldus" in das weltliche Leben begleitet hat, sowie er auch diesen vor den Gefahren des weltlichen Lebens ermahnte. Ja, wenn man das Gedicht aufmerksam durchliest, macht es den Eindruck, als hätte der Dichter von diesem „Rainald" erwartet, dass er das weltliche Leben verlassen und in ein Kloster eintreten werde, — aber der Jüngling scheint für eine derartige Wendung seines Lebensschicksals keine besondere Neigungen zu fühlen. Daher das schöne Gebet am Schluss um Einsicht und Energie, welche der Allmächtige dem Jüngling schenken möchte, damit er nicht nur die Lehren des älteren Bruders aufnehmen und be­folgen, sondern auch in dasselbe Kloster eintreten soll. 7 Wenn man diesen Gedankengang des Gedichtes wohl überdenkt, so glaubt man unter den französischen Klosterdichtern des ausgehenden XII. Jahrhunderts in Frankreich bald einen Dichter finden zu können, über den es in Klosterkreisen bekannt war, über den der „Klo­stertratsch" das unheimliche Gerücht verbreitet hat, dass er sehr gern für andere und im Namen anderer, auf Bestellung, anonyme Briefe schreibt, die sich dann in scharfer Weise oder auch in einer milderen Art, — dies ist der Fall in unserem Gedichte, — an. Äussere, an nä­6 A. a. 0. S 341. 3 Vgl. Zeitschr. d. Ver. f. Volksk. 20, 1910. S. 61 ff. 7 Vgl. Schröder, a. a. 0. S. 343.

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