KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

Zweiter Abschnitt: Romanische Weltanschauungs-elemente im Totentanz

- 104 — des Everymantodes und den Begriff des „gros­sen Weltrades" oder „Lebensrades" im Zu­sammenhange mit den „Dreifaltigkeitsregionen" , — die ja auch Dante den deutschen Mystikern abgelauscht haben mag 1 — miteinander ver­einigten, — und so zu eigentlichen Urhebern des „Todes-Tanzes" wurden ! Eben weil sie „germanisch" dachten ! Auch in den Büchern der Nonnenmystik iinden sich Weltanschauungselemente germanischen Ursprungs. Man möge nur die schriiten Hildegards von Bingen durchblät­tern ! Johannes Bühler veröffentlichte ebenfalls in der Bücherreihe des Insel-Verlags i. J. 1922 eine Auswahl ins heutige Deutsch übertragener Schriften dieser merkwürdi­gen Nonnenschriftstellerin. So behauptet Hildegard von Bingen gleich im vierten Paragraph des ersten Buches ihrer Schrift „Ursachen und Heilungen"dass der Fall Luzifers eigentlich ein Sturz ins Nichts war. Und darum versuchte er die Auflehnung gegen die Kraft Gottes : „Denn da er sich zum Nichts hin ausstreckte, da brachte der Beginn dieses Ausstreckens das Böse hervor, und bald entbrannte durch Gottes rächenden Eifer dies Böse in ihm ohne Klarheit und ohne Licht. Es war wie ein sich dre­hendes und sich umwälzendes Rad (!) und zeigte feuriges Dunkel in sich. Und so wich das Böse vom Guten ab, und nimmer berührte das Gute das Böse und das Böse das Gute. Gott aber blieb unversehrt wie ein Rad, und der Vater blieb in der Güte, weil seine Vaterschaft selbst der Güte voll ist, und so ist die Vaterschaft ganz gerecht, ganz gütig, ganz fest und ganz stark, und durch dies Mass wird er wie ein Rad. Nun ist dies Rad irgendwo, und irgendetwas füllt es. Denn hätte dies Rad nichts, denn seinen äusseren Umkreis, dann wäre es leer ; und käme vielleicht ein Fremder dazu und wollte dort wirken, so ginge das durchaus nicht an ; denn in einem Rade können nicht zwei Arbeiter ihre Werke wirken..." usw. In dem fünf­undzwanzigsten Kapitel des ersten Buches derselben Schrift beschreibt Hildegard die Planeten, während sie im nächsten Kapitel behauptet, dass das Firmament vor Adams Sündenfall unbeweglich war. Erst nach dem Sün­denfall begann das Firmament sich zu drehen, — und es wird nach dem Jüngsten Tage wieder stillstehen. Die Dre­hung gibt jetzt aber der ganzen Natur ihre Kräfte und reinigt die Elemente. Im 27-sten Kapitel des ersten Buches der „Ursachen und Heilungen" behauptet Hildegard, dass das Firmament in seinen Umdrehungen wundervolle Töne erschallen lässt, es hat ebenso Töne, wie eine Mühle oder ein Wagen, die sich drehen, —nur dass der Mensch diese Töne nicht vernehmen kann. Dann aber vereinigt Hilde­gard den Makrokosmos ganz vollständig mit dem Mikro­kosmos, und dies scheint die Grundlage ihrer ganzen Weltanschauung zu sein. Aber diese Grundlage ist echt germanisch ! Der makrokosmische Aspekt, den wir schon in der Edda im Falle des Riesen Ymir beobachten konn­ten, kehrt auch bei ihr wieder ! Sie behauptet, dass, wie die Seele den menschlichen Körper belebt und erhält, so erhalten und stärken Sonne, Mond und Planeten das Fir­mament : „Denn das Firmament ist wie das Haupt des Menschen ; Sonne, Mond und Sterne wie die Augen ; die Luft wie das Gehör; die Winde wie der Geruch ; der Tau wie der Geschmack ; die Seiten der Welt wie die Arme und das Gefühl. Die übrigen Geschöpfe aber, die auf der Welt sind, sind wie der Leib ; die Erde aber wie das Herz..." usw. 2 Auch die Fest gkeit und die Konstruktion des Firmaments vergleicht sie im 29-sten Kapitel mit den Sehnen und Adern des menschlichen Körpers. Sehr inter­essant ist ihre Erklärung, welche sie im 32-sten Kapitel über die „Lebensradwesenheit" des Mondes, über den Einfluss des Mondes auf die menschliche Zeugung gibt. 3 Im elften Kapitel des zweiten Buches der Schrift „Ursachen und Heilungen" 4 erfahren wir, wie Gott den Körper Adams aus den verschiedenen Elementen geschaffen hätte, — wie dies ja schon in einem anderen Zusammenhange erklärt wurde. Dies ist alles „echt germanisch", wie ja auch die Ansicht Hildegards über die Träume und über ihre Be­1 Vgl. Bühler, a. a. O. S. 40—41. 2 Vgl. Bühler. a. a. 0. S. 52. 3 Bühler. a. a. 0. S. 54-56. 4 Bühler, a. a. 0. S. 69. deutung 5 höchstens eine im Volke lebende esoterisch­christliche Lehre sein könnte. Ich möchte nur noch darauf hinweisen, dass Hildegard in ihrem Buche „Scivias" in der „sechsten Vision"'' eine mystische Kreazvision be­schreibt, die mich sehr an jenes Kreuzbild im Evangeliar der Uta erinnert. Endlich wird im „Fliessenden Licht der Gottheit" von Mechtild von Magdeburg 7 die „Hofreise" der minnenden Seele zu Gott beschrieben. Im 44-sten Kapitel des ersten Buches dieser Schrift 8 spricht Mechtild „Von der Minne Weg in sieben Dingen, von dreien Kleidern der Braut und vom Tanze", u. zw. vom „überweltlichen mystischen Tanze" der Seele mit ihrem „Bräutigam" 1! Hier erklärt Gott der Seele, wie sie sich aus sieben Fesseln oder Ban­den befreien soll. Die Seele zieht die Kleider der Demut, der Keuschheit und des „heiligen Gerüchtes" an und war­tet auf den „Jüngling", mit dem sie nach Art der Engel ihren „mystischen Tanz" aufführen soll. Die Seele sendet ihre Boten um den Glauben Abrahams aus, um die Be­gehrung der Propheten, um die keusche Demut Mariens, um alle heiligen Tugenden Christi und um alle Trefflich­keit seiner Auserwählten. „Nun wird da ein schönes Lob­tanzen. Nun kommt der Jüngling und spricht zu ihr (zur Seele) : Jungfrau, tanzt also trefflich nach, als Euch meine Auserwählten vorgetanzt haben ! Da spricht sie : Ich kann nicht tanzen, Herr, du leitest mich denn. Willst du, dass ich sehr springe, so musst du selbst vorsingen. Dann springe ich in die Minne, von der Minne in Erkenntnis, von Erkenntnis in Genuss, von Genuss über alle mensch­lichen Sinne. Da will ich bleiben und will doch fürbass kriechen. Nun singt der Jüngling also : Um meinerwillen eile ich zu dir. Du aber verlass mich um deinetwillen . .." Während also jenes Bild in der Seuse-Handschrift zu Ber­lin das „weltgesinnte Leben" der Sünder in der Form einer „Todes-Danse-Macabre" dargestellt hatte, erscheint hier auch die Seligkeit der reinen Seele als ein Tanz mit dem „sieghaften Christus". Jener Sieges-Todestanz Ghristi in den Johannesakten steht also erst in den mystischen Schriften deutscher Mystiker in einer merkwürdigen Paralle­lität zu dem „Danse-Macabre-Todestanz" der Sünder, wel­che sich ausser dem „Gottes-Weltkreise" befinden und von der Skelett-Todesgestalt, von dieser „Teufels-Furie" ver­nichtet werden ! Ich mache nur noch auf das „Geistliche Badlied­lein" aufmerksam, welches Bühler in dem Werke „Das deutsche Geistesleben im Mittelalter" 9 veröffentlicht und welches ich nach Stammler schon im ersten Band meiner GTT erwähnt habe, 1 0 wo die „Seligkeit" ebenfalls als ein Tanz der Seele mit Christus dargestellt wird. Hatte die „deutsche Mystik" auf den Toten­tanz wirklich einen so grossen Einfluss ? Die wei­teren Ausführungen werden zur Lösung dieser Frage noch manche Beiträge liefern ! Aber S. 147 des ersten Bandes meiner GTT habe ich schon nach Stammler auf die Tatsache hinge­wiesen, dass der Text des vierzeiligen ober­deutschen „Todtentanzes" bei der Kloster­frau mit dem Text eines mystischen Gedichtes übereinstimmt I 1 1 Und wenn dann auch einzelne Erzeug­nisse der mittelalterlichen lehrhaften Literatur und später sogar die „Vadomorigedichte" in einem mystischen Sinne umgedeutet werden und sich aus ihnen die verschiedenen Toten­tanztexte entwickeln, — so wird von uns die­ser Zusammenhang der Totentänze mit der mittelalterlichen deutschen Mystik ganz klar be­trachtet werden können . . . 6 Im 40-sten Kap. des zweiten Buches, Bühler, a. a. 0. S. 85. 6 Vgl. Bühler, a. a. 0. S. 190-191 ff. 7 Vgl. die Ausgabe „Deutsche Mystiker" Band II. Das fliessende Licht der Gottheit. In Auswahl übersetzt von Wilh. Oehl. Kempten-München. Koesel, S. 44 ; I, 4. 8 Vgl. Oehl. a. a. 0. S. 56—58. 9 A. a. 0. S. 248—249. 1 0 Vgl. GTT Bd. I. S. 146-147. 1 1 Vgl. Buchheit, a. a. 0. S. 246, Anm. 22.

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