KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE II. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 5. (Budapest, 1944)

Zweiter Abschnitt: Romanische Weltanschauungs-elemente im Totentanz

Ehrung, welche er dem Mai, dieser wunderbaren Spiege­lung göttlicher Schöpferkraft, bot, — ist doch ganz eigen­artig „germanisch eingerichtet" I Und wenn dann Seuse behauptet : „Ich schwimme in der Gottheit, wie ein Adler in der Luft", 1 so preist er jenes gänzliche „Aufgehen in der Gottheit", welches uns in den schon erörterten spekula­tiven Darstellungen ebenfalls zum Ausdruck kam ... Und auch jene „Kuriositäten", welche wir schon kennengelernt haben, fehlen aus der Weltanschauung Seuses nicht. Bühler teilt in seinem schon zitierten Werke über „Das deut­sche Geistesleben im Mittelalter" (Leipzig 1927) zwischen S. 270—271 eine sehr merkwürdige symbolische Darstellung aus der Berliner Suese­handschrift des XIV. Jahrhunderts mit. Indem ich auch das Bild selbst nach Bühler hier S. 102 Abb. 29. mitteile, erlaube ich mir die Be­schreibung des Bildes wörtlich zu übernehmen : „Ausgang und Rückkehr zu Gott. Rechts oben ist die Dreifaltigkeit dargestellt: „Diz ist der personen driheit in wesenlicher einikeit, von dem cristanr gelob seit" (christlicher Glaube sagt). Von der Dreifaltigkeit gehen zunächst die Engelaus: „Disu figur ist der uszfluzz engelsch­licher natur"; es folgt: „Diz ist menschlichü ge­schaffenheit gebildet nach der gotheit". Der Mensch wendet sich entweder zu Gott, wie un­ten die Nonne mit der Kette : „Minen ker wil ich zv got nemen wan (denn) diz ist gar ein kurtzes leben", oder er stellt sich ausserhalb des Weges zu Gott, wie der tanzende Ritter mit Frau rechts unten : „Diz ist der weit minne, Da nimmt mit jamer ein ende". — Und nun steht bei diesem tanzenden Paar der Tod mit einer Sense! Über ihm die Inschrift: „Diz ist der tot". — Es wird hier zur symbolischen Dar­stellung der „weltlichen Minne", des weltlichen Lebens, eigentlich jener Volkstanz dargestellt, den wir später die „Danse-Macabre" nennen, weil in ihm ja die personifizierte Todesgestalt mit ihrem eigentlichsten Attribut, mit der Waffe der Everymantodesgestalt, der Sense, erscheint, um das am weltlichen Tanze teilnehmende Paar zu töten ... Es ist also eigentlich die Darstellung einer „Danse-Macabre", vereinigt mit der Eve­ryman-Todesgestalt — und im XIV. Jahrhundert ! Knapp vor der Entstehung der eigentlichen „Todes-Tänze"! Ja dieses hier mitgeteilte Bild ist ein Zeugnis dafür, dass der „Todes-Tanz" früher erschien, als der „Toten-Tanz"! Die Ber­liner Handschrift entstand angeblich noch im Leben Seuses, der doch i. J. 1366 starb. Unser hier mitgeteiltes Bild ist also älter, als die Ge­samtlegendenbilder zu Subiaco und Pisa, und entstand demnach viel früher, als das Gesamt­legendenbild im flandrischen Livre d'Heures in Trient, wo der Tanz auf die lockende Musik eines Toten mit der Everymangestalt vereinigt wird, die dort ein Schwert als Waffe führt. Der danse-macabreartige, mystische „Todes-Tanz" in der Berliner Seusehandschrift, dessen bild­liche Darstellung ich hier aus dem XIV. Jahr­hundert nach einer Reproduktion Bühlers mit­teile 2, erscheint also mit dem Begriffe des „Le­1 Bühler, a. a. 0. S. 238. 2 Vgl. Bühler. S. 240-241, Fig. 10. bensrades vereinigt und legt ein unwiderleg­bares und sicheres Zeugnis dafür ab, dass der „Todes-Tanz" von den „deutschen Mystikern" erfunden, verbreitet und mit jenen „musikali­schen Kuriositäten" vermengt wurde, welche ich schon besprach. Die Entstehung der ersten Todes-Tänze ist folglich ein Verdienst der „mystischen Literatur" des deutschen Mittelal­ters ! Und wenn wir es dann später erfahren werden, dass es einen sog. „Siebentanz" gab, den die Bauern tanzten, indem sie sangen : „Ich tanze wie ein Edelmann", so dürfen wir vielleicht daran denken, dass von den Bauern jener „weltlich gesinnte Ritter" nachgeahmt und ver­spottet wurde, der mit seiner „Minnekönigin", mit der „Frau Welt", einer verführerischen Edelfrau, auch auf unserem Bilde in dem Kodex der Werke Seuses einen springenden Tanz auf­führt ! — Ich setze nun mit dem Zitat aus der Bühler'schen Beschreibung dieses Bildes fort : „Die sich zu Gott Kehrenden führt der Weg über Kreuz und Leiden : „Ach lug wie ich muz sterben vnd mit Christus gecrutzget werden". Vom Leiden zieht sich die Gestalt in den Stuhl der Betrachtung zurück : „Gelassenheit mich berauben wol, wa min (was vom meinigen, vom Eigenwillen) ie waz ze vil". Die stehende Figur hält mit der rechten Hand das Kreuz, über das die sitzende zu hoher Beschauung emporsteigt : „Die sinne sint mir entwurcket, Die hohen kreft sind vberwurket". Nun schwingt sich die Seele in die Brust Christi, des Gottes­sohnes : „Hie ist der geist in geswungen vnd wirt in der driheit der personen funden". Es folgt die völlige mystische Einigung mit Gott, man sieht bloss den Heiligen Geist und in ihm vom Menschen bloss noch die beiden Ringlein : „Ich bin in got vergangen nieman kan mich hier erlangen". Durch den Heiligen Geist kehrt die Seele zu Gott Vater zurück, von dem sie, wie das erste Bild zeigte, über den Heiligen Geist — der im ersten Bilde und auch hier Vater und Sohn verbindet — und den Sohn ausgegangen war. Von Gott Vater geht es zu einer verhängten Lade : „In dem inschlag han ich aller ding vergessen wan (denn) es ist grundlous vnd ungemessen". Es ist also auch die Vorstellung vom Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist als von drei Persönlichkeiten verschwun­den ; die Lade stösst an den Kern der Gottheit, die Personifikationen der Dreifaltigkeit sind nur noch in drei Kreisen (!) angedeutet : „Diz ist der ewigen gotheit wisloses abgrunde, Das weder anvang hat noch kein ende". Dieser „weise­lose", (ohne besondere Erscheinungsformen) ge­zeichnete Abgrund der Gottheit bildet zugleich den Ausgangspunkt über die Lade zu den drei Personen der Gottheit, so dass ein in sich ge­schlossener Kreislauf der Seele — Ausgang und Rückkehr — entsteht". Zu dieser Beschreibung Bühlers habe ich weiter nichts hinzufügen. Betrachten wir das hier S. 102 beigelegte Bild, und wir werden es leicht einsehen können, dass es die Mystiker waren, welche die „Danse-Macabre" , die Skelettgestalt

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