KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

gestalten der „Todes-Kinder" nur „der Tod je eines einzelnen Menschen", den sie nach Gottes Fügung von der Wiege bis zum Grabe auf Erden begleiten müssen. Nur dieses eine To­tengespenst, das Gott dem Menschen fürs ganze Leben beigesellt, hat das einzige Recht, sein für ihn bestimmtes Opfer zur befohlenen Zeit zu töten. Der Schöpfer dieser ganz eigenartigen Todes-Gespenster, der „Todes-Kinder", ist der grosse ungarische Dichter Vörösmarty Mihály in seinem Werke „Délsziget". 1 Die bisher untersuchten Sagenmotive, welche nicht nur in der deutschen Literatur, sondern auch in anderen europäischen Litera­turen wohl bekannt sind, wurden in die unga­rische Volkssagengemeinschaft mit lokalen Zü­gen beschmückt aufgenommen und die unga­rischen Dichter bearbeiteten sie mit dem Ge­fühle, dass sie einheimische Motive verwerte­ten. Es gibt aber auch Sagenmotive, welche immer als ein allgemein menschliches Gemein­gut der ganzen Weltliteratur gegolten haben und nicht ungarisiert, wohl aber auch ungarisch be­arbeitet wurden. Ein solch uraltes Motiv, das La Fontaine, I. W. L. Gleim, K. Friedrich Drollinger u. a. in ihren Märchen bearbeiteten, ist der Ausgangs­punkt eines anonymen ungarischen Gedichtes, das sich unter dem Titel „Életszeretés" (Lebens­freude) in der Handschrift Miscellanea Hunga­rica Nr. 10.200. A. 3. B. (fol. 494-497 ; XVIII. Jahrhundert) der fürstl. Esterházy-Bibliothek zu Kismarton (Eisenstadt) befindet. Der Mensch sehnt sich nach dem Tod, nach dem Sterben, das Vergehen ist dem Menschen zur Zeit der Not eine Befreiung von allen Qualen des Lebens. Und doch, wenn die Todesstunde schlägt, hält jedermann krampfhaft am Dasein fest, wie der Holzhauer des Märchens, der im Begriffe, sein Bündelchen Holz aus dem Walde nach Hause zu schleppen, einen leisen Seufzer zum Him­mel emporschickt in der Hoffnung, vom Tod bald abgeholt zu werden. Der Tod erscheint, steht ihm gerne zu Diensten, fragt, was er wün­sche. Der Holzhacker aber vergisst plötzlich sei­nen Lebensüberdruss und hat nur die beschei­dene Bitte, der Tod möge ihm sein Holzbündel auf den Rücken helfen. Dieser vom plötzlich erscheinenden Tod zurückschreckende Mensch, der vorher noch sein Lebensende heranbeschwö­ren wollte, ist der Held einer phantastischen Novelle von Ábrahám Ernő. 2 Auch das Ge­dicht „Bolond, halálos éj" (1909, Monaco) bringt die Sehnsucht des Menschen nach dem Erhabenen zum Ausdruck und stellt den Tod in den Weg der Seele, welche sich nach einem baldigen Aussichheraustreten sehnt (Ady). Die Darstellung der Sterbestunde der Gu­ten und Bösen, sowie das Auftreten des Todes im Zusammenhang mit einer historischen Per­> Südinsel. 1826 ; Remekírók Bd. 23. Ii. S. 235. ff. 3 Erschienen in der Zeitung Nemzeti Újság im Jahre 1921. sönlichkeit, wie es im Gedichte von Harsányi Lajos „Falun ilyen a halál" (So stirbt man am Dorfe) und in der Novelle von Raggamby András 3 zur Geltung kommt, sind ebenfalls Gemeingut der Totentanzliteratur des Westens. Wie es aus den bisherigen Angaben hervorgeht, sind in der ungarischen Literatur nur Einzelheiten zu vermerken, ohne die Richt­linien einer fortlaufenden Entwicklungsgeschichte feststellen zu können. Wertvolles haben die Dichter erst dann geschaffen, als sie eigene Wege gingen (Vörösmarty, Arany). Mangel an Lokaltradition und Originalität charakterisiert die meisten ungarischen Totentanzwerke und wenn ein Motiv zufällig als ungarische Spezialität be­trachtet werden kann, so hatte es leider selten Fortsetzung. Trotzdem ist das mächtigste und pracht­vollste Totentanzwerk der Weltliteratur die Schöpfung eines ungarischen Dichters. Es ist „Die Tragödie des Menschen" von Madách Imre, welche in der deutschen Übersetzung von Mohácsi Jenő ihren Triumphzug durch die europäischen Bühnen mit der Erstaufführung im Wiener Burgtheater (i. J. 1934) unlängst angetreten hat. Es stehn uns wichtige Angaben zur Verfügung, mit denen wir den Totentanz­charakter dieses Werkes erklären und unsere Behauptung unterstützen können. 4 Um die Über­sicht unserer Forschungsergebnisse zu erleich­tern, sei hier nur betont, dass „Die Tragödie des Menschen" eine der neuesten Dichtungs­arten des Totentanzes vertritt. Sie ist eine „hi­storische Einzelbilderreihe", in welcher Luzifer die Rolle des Teufels-Todes übernimmt, in welcher aber auch der Skelett-Tod auftritt. Das Leben der Menschheit, die markantsten Szenen der Weltgeschichte, das Emporsteigen „des Menschen" — Everymans — im Kampfe um die Neugestaltung der Ruinen der Vergangen­heit und der gänzliche Verfall, die vollständi­ge Vernichtung menschlicher Kultur und irdischer Bestrebungen in der grauen Zukunft, das alles erleben wir im Traume Adams, der in den ein­zelnen unerreichbar kunstvollen historischen Szenen der Vergangenheit, Gegenwart und Zu­kunft mit dem am Lebensrade emporsteigenden und herabstürzenden Everyman identisch wird. Als Übergang zur modernsten Totentanz­gattung, zum „Lebens-Tanz" und zur allgemein menschlichen Totentanzauffassung sei hier der Zyklus „A halál rokona" (Der Verwandte des Todes) von Ady Endre erwähnt, in dessen ein­zelnen Gedichten das Leben in einheitlich symbolisierenden Bildern dargestellt wird : das Leben ist ein Liegen auf einem Eisenbahnge­leise, auf dem die ungeheure Lokomotive des Todeszuges mit furchtbarem Dröhnen immer näher und näher kommt („Halál a síneken"), das Leben ist eine Reise auf einem Sarge („Az 3 „Útitárs", Magyarság 1924; der Tod des unga­rischen Dichters Kazinczy. 4 Vgl. meine Abhandlung in der Zeitschrift Nap­kelet 1925.

Next

/
Thumbnails
Contents