KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

stantischen Trauerliedern in seiner ursprünglichen Reinheit bewahrte Todesbegriff scheint auch jetzt noch so fest und steif zu sein, dass er eine Verwechslung des Todes mit den Toten der Sage nicht ermöglicht. Sogar in Fällen, wo die Sage es selbst ausdrücklich betont, dass die auftretende Ske­lettgestalt nicht „der Tod", sondern ein Toter sei, sprechen einzelne ungarische Dichter nur von dem Tod. Wie die westeuropäischen Völker, so kennen auch die Ungarn Sagen, in denen der tote Geliebte oder die gestorbene Braut nächtlich erscheint, um den Lebenden aus unvertilgbarer Liebe zu töten. In einer un­garischen Sage 1 kehrt die tote Braut zurück, um den Bräutigam in den Willi-Tanz zu locken. Der Jüngling wird am nächsten Morgen tot auf­gefunden. Meistens aber ist es der Bräutigam, der im Mondschein seine auf ihn harrende Braut auf sein Pferd hebt und mit ihr in den Kirchhof reitet, wo dann Reiter und Pferd un­ter furchtbarem Getöse in einem Grabe ver­schwinden und die Braut am Grabeshügel stribt. Es ist ja dieselbe Sage, welche auch in der bekannten Bürger-Ballade bearbeitet wurde und die in unzähligen Varianten fast in allen europäischen Literaturen bekannt ist. Aber die ungarische Ballade 2, sowie ihre Abzweigung bei Ady Endre 3, bestärkt uns noch mehr in der Einsicht, dass sich die ung. Totensage mit den Emblemen der Todesgestalt sogar in dem Falle nicht leicht verschmelzen konnte, wenn der blutgierige Tote übrigens das mörderische Amt des Todes verwaltet hat. Jener stark im Bewusst­sein des ungarischen Volkes und der Dichter lebende reine Todesbegriff der ungarischen Sterbelieder bewirkt es, dass die ungarischen Dichter einerseits den Tod nicht zu einem To­ten machen, wenn er auch wirklich ein Toter der Sage sein sollte und anderseits behalten sie die Eigenschaft der Skelettgestalt als die eines Toten auch dann, wenn sie das Skelett „den Tod" nennen. In dem Gedichte „Az öz­vegy" 4 von Vörösmarty Mihály kehrt nachts die Skelettgestalt des von seiner Gattin vergif­teten Mannes in das Haus seiner ehemaligen Frau zurück und erzählt den auf einem Ball­fest dort versammelten Gästen die Mordtat sei­ner Gemahlin. Er ist also ein Toter, wird aber vom Dichter durchgehends als „der Tod" apo­strophiert. Im Gedichte „A Halál lovai" 5 von Ady zieht eine Gruppe von düsteren Reitern über Land. Wo sie nur vorüberreiten, ziehen ihnen die unglückseligen > Menschen nach ; man weiss nicht, woher sie kommen und wo­hin sie gehen. Diese Reiter sind Geister des 1 Henne am Rhyn, Die deutsche Volkssage, Hartle­ben 1879 Nr. 944 ; vgl. Gr. Mailáth János, Magyar. Sagen und Märchen. 2 Remekírók Bd. 55. 1906. S. 112. 3 Vér és Arany. Budapest 1908, S. 155. 4 1837; Remekírók Bd. 22, 1. 5 „Die Pferde des Todes", 1909; Ady E. válogatott versei. Budapest 1921, S. 93. 33 ­allbekannten „wütenden Heeres", sie sind Tote, welche auch nach der Totensage sich nächtlich in Gruppen zusammenrotten und das Leben des auf der Landstrasse wandelnden Pilgers gefährden. Und doch nennt der Dichter ihr gespensterhaftes Reittier „das Pferd des To­des". Wie aus deutschen Sagen bekannt, ist der Anführer des „wütenden Heeres" der „wilde Jäger", einst ein reicher Edelmann, der zu einer verbotenen Zeit auf die Jagd auszog und keiner Ermahnung nachgebend den Wunsch äusserte, lieber ewig jagen zu wollen, als die Jagd am Feiertage aufzugeben. Zur Strafe muss er bis zum Jüngsten Gericht seine Jagd fort­setzen, ohne sterben zu können. Der „wilde Jä­ger" ist also auch ein Feiertagsschänder, des­sen Motiv der ungarische Dichter Kisfaludy Ká­roly (t 1830) in seinem Gedichte „Karácsonéj" (Weihnachtsabend) mit dem Erscheinen eines Rache übenden Toten verband. Ein junger Edelmann zieht am Weihnachtsabend auf die Jagd aus und schiesst ein Reh nieder, das ein schönes Mädchen umsonst in seinen Schutz nahm. Den Vater des Mädchens hat der Edelmann einst töten lassen und auf seinem Rückwege trifft er in einem eingestürzten Grabe den Schä­del des Ermordeten. Er stösst mit seinem Fuss den Schädel zur Seite und ladet ihn spöttisch zum heutigen Festmahl ein. Die Unterhaltung beginnt. Die versammelten Gäste sind lustig. Umsonst läutet die Glocke zur Weihnachtsmette, die lustigen Gesellen sind zum Gebet nicht auf­gelegt. Plötzlich öffnet sich die Tür, der Toten­schädel, der Schädel des Ermordeten rollt her­ein. Der Dichter nennt aber den Schädel nach ungarischem Sprachgebrauch „halálfej", Schä­del des Todes", welcher zu einem Ungeheuer der Unterwelt anwächst, nachdem er den toll­kühnen Jüngling umsonst zum Insichgehen er­mahnt hat. 6 Der ungarische Todesbegriff führte in sei­ner Unerschütterlichkeit zur Gestaltung einer ganz eigenartigen, ungarischen Todesgestalt, welche in keiner der europäischen Literaturen vorkommt und bisher auch in der Todesikono­graphie ganz unbekannt war. Die Toten, deren Anführer der Tod ist, bilden nicht nur das Ge­folge des in der Gestalt eines Toten der ger­manischen Totensage auftretenden Everyman­Todes, sondern sie werden „Kinder des Todes". Die Toten des „wütenden Heeres" werden sel­ber zu lauter Todesgestalten, als „Todes-Kinder" übernehmen sie das Amt und die Macht der Everyman-Todesgestalt, wohnen — wie die Gespenster des „wütenden Heeres" samt ih­rem Führer „Hackelblock" — in Berghöhlen. Nur die Allgemeinheit der Everyman-Todesge­stalt können sie sich nicht aneignen. Während die Everyman-Todesgestalt „der Tod der gan­zen Menschheit" ist, sind die einzelnen Todes­6 Zum Kreise der Sagen vom toten Bräutigam ist auch ein Jugendwerk von Kisfaludy zu rechnen, die halb in Prosa, halb in Versen abgefasste Novelle „Éjjeli me­nyekző", Nächtliche Hochzeit, Bánóczi-Ausg. Bd. V. S. 377.

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