KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)

ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse

Wiege des Haupthelden erscheint ein gesunder, edelgeformter, vollblütiger Jüngling und mit ihm der Tod. Der Tod wankt plump daher, in ein Leichentuch gehüllt, seine wurmfrässigen Arme träge übereinander gelegt, sein kaltes Knochen­gesicht würde sich sicher zu einem spöttischen Gelächter verziehen, wenn seine Lippen am Tische der Würmer schon längst nicht aufgefres­sen worden wären. Das Leben, der Jüngling, will sich flüchten, aber vom Tode zurückgehalten be­kommt es die schärfsten Vorwürfe ; denn es hat der Welt wieder um einen Proletarier mehr ge­schenkt. Der Tod kann es schriftlich, statistisch beweisen, dass mit dem Neugeborenen die er­laubte Zahl der Notleidenden schon überschritten wurde und will das Kind töten. Schliesslich gibt er den Bitten des Lebens nach und hofft, dass diesen neuen Ankömmling die vielen Kämpfe, die Sünden, Krankheiten, Ärzte, Steuer und — die schlechten Verse der Dichterlinge ohnedies bald ins Grab stürzen werden. Der moderne ungari­sche Dichter, Ady Endre, führt uns in eine noch ejgenartigere Welt. Das Gedicht „A menekülő Élet" 1 betrachtet, wie im menschlichen Körper das Leben, „der ruhmvolle Herr", vom Tod, von einem noch grösseren Herrn verfolgt wird, wie ein Dienstbote, den man beim Diebstahl ertappt hat. Der Tod, sowie auch das über Schnee und Eis getriebene Leben, haben ein merkwürdiges Gefolge. Dem Tode werden viele „kleine Tode", die Tode je eines Stückchen Lebens beigesellt und die Gefolgschaft des Lebens besteht aus vielen „winzigen Leben". Aber der Tod hat keine endgültige Macht. Er, wie auch das Le­ben, beide sind nur Visitkarten eines noch viel höheren Herrn, der beide verfolgt. Er ist „der grosse Verfolger, der Unbekannte." Ein unterirdisches Fortleben der Idee des Everyman-Dialoges und des Rangstreites zwi­schen Leben und Tod ist aus diesen bisher an­geführten Angaben ersichtlich. Die Urform der Legende von den drei Lebenden und drei To­ten aber wurde in der ungarischen Literatur überhaupt nicht verwendet, obwohl der Urtypus dieser Legende im Rahmen der Barlaam und Josaphat-Legende auch ins Ungarische über­setzt wurde. Im Laufe der Jahrhunderte ist — wie die Knochengestalt des Todes, der Jammerruf des Toten, der Todes-Dialog und die Totentanz-Idee selbst — auch die äussere Form der Legende von den drei Lebenden und Toten zu einer allgemein menschlich bekannten Kunstform ge­worden. Die „drei Nichtigkeiten", deren Träger auch die drei Toten der Legende unter dem Ein­fluss der arabischen Everyman-Legende gewor­den sind, sind ebenfalls häufig wiederkehrende Motive der Kunstwerke auch ausser dem Be­reiche der Totentänze. (Shakespeare, Der Kauf­mann von Venedig ; die Szenen mit drei Käst­chen und der Inhalt der letzteren). Als ein all­1 Das flüchtige Leben; 1912. Válogatott versek. Bu­dapest 1907. S. 29. gemein menschlich bekanntes Motiv, das keiner Tradition unterworfen ist, wäre es zu betrachten, wenn Csokonai Vitéz Mihály in seinem philo­sophischen Gedichte „A lélek halhatatlanságá­ról" 2 zwar nicht Tote, aberSterbende, die Ver­treter verschiedener philosophischer Richtungen, sprechen lässt. Der Lappländer („Revelation ohne Philosophie", S. 352), der Atheist („Philo­sophie ohne Revelation"), der Chinese (S. 357) und Sokrates (die Gott nahestehende Seele, S. 360) entwickeln in den letzten Minuten ihres Lebens in Monologen ihre Weltweisheiten. Allein der Christ, der die Reihe der Sterbenden in die­sem Gedichte schliesst (S. 361—362), findet Trost und sichere Seelenruhe. Diese Reihe von Ster­bemonologen ist keine „Legendenvariante", son­dern eine allbekannte Kunstform der Darstellung der Vergänglichkeitsideen, in welcher die Ster­benden die Nichtigkeit und ohnmächtige Macht­losigkeit philosophischer Richtungen im Augen­blicke des Todes personifizieren. Die Nichtigkeiten der Legende von den drei Lebenden und Toten treten auch in dem my­stischen Märchenspiel „Csongor és Tünde" (1831) von Vörösmarty Mihály 3 in den Gestalten eines Kaufmannes, eines Fürsten und eines Gelehrten auf. Am Anfang des II. Aufzuges ziehen sie an Csongor vorüber und wollen den in ihm ver­körperlichten Everyman, der das Feenland des Glückes sucht und im Besitze der Fee Tünde die ewigen Ideale der Menschheit erringen will, eines Besseren, eines Vernünftigeren belehren. Sie sprechen von ihrer herrlichen Zukunft, nen­nen als einzige Realität des irdischen Lebens das Geld, die Macht und die Gelehrsamkeit. In die­sen drei Eitelkeiten, deren Vertreter auch die drei Lebenden der Legende von den drei Leben­den und Toten waren, soll nach ihrer Meinung das wahre Feenland stecken (S. 345 ff.). Im V. Aufzug des Stückes treten alle drei Gestalten noch einmal auf und beweinen ihren schreck­lichen Sturz. Der Kaufmann verlor alles, sein einziges Vermögen sind seine Krücken, die Macht des Fürsten haben die missglückten Kriege vernichtet und sein einziger Trost wäre nunmehr der Tod. Zuletzt erscheint auch der Gelehrte, dessen Wissensbegier sich in Raserei und Irrsinn verwandelt hat. Eine ganz eigenartige Rekonstruktion erlebt die ältere Form der Legende von den drei Le­benden und Toten in dem fünfaktigen Myste­rienspiel „Alexius" 4 von Sík Sándor. Die Szene hat sicher mit der in Europa verbreiteten Le­gendentradition nichts zu tun und tritt doch in einem Rahmen auf, der in uns die Erinnerung an die alten Legendenillustrationen wachruft. Dieser Rahmen kann heute schon als eine Kunst­form betrachtet werden, deren Bedeutung man 2 Von der Unsterblichkeit der Seele ; Harsányi J.— Gulyás J.: Nagy írók — nagy írások. Bd. I. S. 339 ff. Nagy­várad, 15. Apr. 1804. 3 Magyar Remekírók Bd. 24, III. Budapest 1903 ; Gyulai Pál, Drámai költemények. 1. S. 282—286. 4 Budapest, 1918. S. 29-34.

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