KOZÁKY ISTVÁN: A HALÁLTÁNCOK TÖRTÉNETE I. / Bibliotheca Humanitatis Historica - A Magyar Nemzeti Múzeum művelődéstörténeti kiadványai 1. (Budapest, 1936)
ERSTER TEIL. Einführung in den Stand der neuesten Forschungsergeb nisse
„Spiegelbuches" folgt in St. Gallen ein Text, in dem ein Engel nicht zu den einzelnen Vertretern des Bauernstandes, des geistlichen Standes und des Adels spricht,sondern zum„Bauern", zum „Papst" und zum „Adel". Wie also die einzelnen Lebenden der Legende von den drei Lebenden und Toten die Vertreter der drei Nichtigkeiten waren, so hat man auch die Standesvertreter des Vadomorigedichtes in drei symbolische Gruppen geteilt, die ebenfalls die Vertreter einer Nichtigkeit sind. Auch die AugsburgMünchener Legendenform, in der Everyman von Gott bekehrt und ein Freund Everymans, „die Jugend", vom Tod getötet wird und schliesslich im Grabe liegt, wird in einer Wiener Handschrift mit der Ubersetzung der lateinischen Vadomorigedichte verbunden. Dieselbe Augsburg-Münchener Legendenform wird in einer Münchener Handschrift (Cgm. 3974) auf eine eigenartige Weise erweitert. Nachdem der vom Tod getötete und im Grabe liegende Freund Everymans seinen Text beendet hat, folgen auf mehreren Blättern je vier Darstellungen einer „Nichtigkeit" (Reichtum, Macht, Schönheit, Adel, Jagd usw.), die szenenartig voneinander getrennt einem in der Mitte eines jeden Blattes aus dem Grabe steigenden Toten gegenübergestellt werden. Die Todeslegende, sowie auch die Totenlegende wurde aber nicht nur in den Handschriften, sondern auch auf den Fresken durch die Standesreihe der Vadomorigedichte erweitert. Unter der Todesfurie und der reitenden Skelett-Furie des Pisaner und Subiacoer Gesamtlegendenbildes liegt ein grosser Leichenhaufen. Die Leichen sind Vertreter der Stände und entsprechen den Standesvertretern der Vadomorigedichte. Nicht nur die Furiengestalt des Todes, sondern auch der Leichenhaufen zu Füssen der Todesfurie ist die Erfindung Petrarcas, der in seinen „Triumphen" und hauptsächlich im Todestriumph viel mittelalterliches Material benützend auf die Entstehung des Todes-Tanzes und indirekt auch des Toten-Tanzes grossen Einfluss ausübte. Diese Motive der Petrarca-Triumphe haben dem Dichter des ersten, des spanischen TodesTanzes, „Danga general della muerte", den Gedanken gegeben, die Sterbeszenen der drei untreuen Freunde Everymans auf alle Standesvertreter des Vadomorigedichtes zu übertragen. Und tatsächlich ist der erste Todes-Tanz nichts anderes, als eine erweiterte Gesamtlegendenform des Pisaner, Subiacoer Bildes und der TrierHomburger und Augsburg-Münchener Texte. Der Prediger am Anfang und Ende des spanischen Todes-Tanzes ist der bekehrte Everyman, den seine Freunde nach seiner Bekehrung verlassen haben. Er sieht in Vision den Tod der drei Freunde. Aber aus den drei „Freunden", aus den drei „Nichtigkeiten" der Gesamtlegende ist nur die „Nichtigkeit der Schönheit", die in der Gestalt zweier Tänzerinnen am Anfang des spanischen Todes-Tanzes getötet wird, unverändert geblieben, während die andern zwei Freunde, die „Nichtigkeit des Reichtums und der Macht", sowie die „Nichtigkeit der Weisheit" oder der „Jugend", in die Standesreihe des Vadomorigedichtes aufgelöst wurden. Auf dem Legendenbild in Clusone spielen die drei Toten des Kirchhofes, die auf das Gebet des von seinen untreuen Freunden verspotteten Everyman aus ihren Gräbern steigen, die Rolle der Todesfurie in Pisa und Subiaco. Nicht zu Füssen des Todes liegt der grosse Leichenhaufen der Vertreter aller Stände des Vadomorigedichtes, sondern zu Füssen der Toten, die hier an der Stelle des Todes über die Menschheit triumphieren und auch die zwei sündhaften Freunde Everymans töten. So entstand also aus der Totenlegendenform der Gesamtlegende der erste Toten-Tanz in La-Chaise-Dieu. Der alte Eremit am Ende der Toten-Tanz-Reihe zeigt dem Everyman einen Leichnam und Everyman wird von seinen Freunden, von der „Nichtigkeit der Jugend" (ein Jüngling) und von der „Nichtigkeit der Schönheit" (ein schönes Weib) verspottet. Auf das Gebet Everymans steigen die Toten aus ihren Gräbern und befreien Everyman nicht nur von seinen zwei Freunden, sondern töten alle Standesvertreter des Vadomorigedichtes. Der Eremit und Everyman (die zwei Prediger am Anfang und Ende) sehen, wie in der Totenlegende zu Trient und Basel, den Untergang der ganzen Menschheit, welche nicht vom Tod (wie in Pisa und Subiaco), sondern von den Toten des Kirchhofes vernichtet wird. IX. Holbeins Bedeutung und das System der Entwicklung des modernen Totentanzes Holbeins Totentanz besteht aus „Lebensbildern". Er hat den Kettenreigen des mittelalterlichen Totentanzes in eine Reihe von Szenen verwandelt, in denen nicht e i n „TanzPaar", sondern eine grössere Anzahl von Menschen in Gruppen auftritt. Da Holbein nur improvisatorisch vorging, entstanden „E i n z e 1 b i 1 d e r", die voneinander ganz unabhängig sind. Die Todesgestalt ist ein in gespensterhafter Gestalt handelnder Mensch, den die Vertreter der Stände nicht als den Tod erkennen und der mit seiner überlegenen Macht alle Menschen besiegt. Der ganze Totentanz ist die Darstellung seiner Wanderungen in den verschiedenen Gesellschaftskreisen der Menschheit. Die Todesgestalt ist das einzige Verbindungsglied, das alle Bilder in eine „E i n z e 1 b i 1 d e r r e i h e" vereinigt.