Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)

Das Leben und die Kunst von László Mednyánszky, mit besonderer Rücksicht auf die Periode vor - Anna Szinyei Merse: Mednyánszkys Beziehungen zur Kunst seiner Zeit

blieb, muss man den Erfolg des unbekannten ungarischen Malers besonders hochschätzen. Von den sechzig Bildern blieben nach Malonyay nach den zwei Wochen der Ausstellung kaum fünfzehn bis zwanzig unverkauft, und das, obwohl zur selben Zeit beide große Salons eröffnet wurden. Der lebhafte Widerhall in der Presse und die loben­den Worte von Adrien Remacle in der Einleitung zum Katalog berichten von einer bei aller Außerordentlichkeit individuellen, einer autonomen künstlerischen Welt von Rembrandt'scher Tiefe. 54 Die sich um jene Zeit entfaltende Menschendarstellung Mednyánszkys war im Vergleich zur zeitgenössissen realistischen und naturalistischen Erfassung dieses Themas tatsächlich erschütternder und vielsagender. Der Maler, der in der Welt der furchter­regenden Spelunken der Pariser Vorstädte untertauchte, gab ein ergrei­fendes Bild von den unglücklichen Menschen, die bislang von keinem Künstlerauge entdeckt worden waren. Höchstens Daumiers Betrunkene, die über dem Kneipentisch ihre Köpfe zusammenstecken, sowie dessen Räuber und Wegelagerer sind mit der Expressivität und der tiefen Tragik von Mednyánszkys Bildern, die mit ihrer gehetzten Pinselführung eine innere Unruhe widerspiegeln, einigermaßen zu vergleichen. 55 Remacle erkannte als erster Kritiker, dass „die Landstreicher von La Villette, der Mörder, der im bläulichen Licht der Gaslaterne herumspäht und die düs­teren Berge, die Erinnerungen an historische Gräueltaten bewahren, aus derselben Familie stammen", denn die Stimmung der figürlichen Bilder und der Landschaften aus den Karpaten sind erschreckend ähnlich. 56 Der Künstler, der die Natur im ahnungsvollen Schimmer transzendentaler Perspektiven vergegenwärtigte, erlebte in der Tatra mit ihren übermensch­lichen Proportionen zeitweise auch Bedrohung und Schauder. Neben sei­nem angeborenen Erbarmen und Mitleid dürfte der als Lumpensammler verkleidete Baron, der sich den Landstreichern anschloss, etwas ähnliches gegenüber den Clochards empfunden haben, als er „ihre mageren Gesichtszüge belauschte, die scharf waren, wie die Messer, die sie in ihren Taschen ständig zur Hand hatten." 57 Sosehr er auch Millet verehrte, 58 schrieb er um 1910 wohl in Gedanken an ihn und hauptsächlich an seine sentimentalen Nachfolger, die Naturalisten: „Der Verzicht auf ergänzende Darstellungen, der Verzicht auf jegliche Süße, eben das ist bei Goya so gewaltig ergreifend." 59 Das war ein großer Schritt von Mednyánszky, hielt er doch - als ausgezeichneter Stimmungsmaler - noch vor kurzem selbst seine Erlebnisse, Filtrate aus dem Anblick und aus seiner eigenen Disposition, in einer etwas senti­mentalen oder wenigstens mystischen Weise fest und stellte die Wirklichkeit interpretierend dar. Nach einer Analyse der neuen Quellen der Mednyánszky-Forschung schrieb Csilla Markója mit Recht über den Maler: „Er betrachtete kritisch sowohl den Naturalismus und den erdgebundene Realismus seiner Zeit, als auch die Wiener sentimentale Genremalerei, [...] aber er kritisierte ebenso den Impressionismus, der ihm allerdings viele Mittel in die Hand gab und befreiend auf ihn wirkte." 60 Nach der sensiblen Formulierung seines Monographen Ernő Kállai: „Während Szinyei Merse, dann die Nagybányaer, Szolnoker und Kecskeméter Maler in den freien Sonnenlichtfarben den voll­blütigen, wohlklingenden Überfluss der lebendigen Kraft der Erde verherrlichten, war in den Augen Mednyánszkys dieselbe Farbenskala der feinste, durchsichtigste Schleier unter all den flüchtigen Schatten und Illusionen, die unse­re Sinne vor dem realen Hintergrund der Dinge weben." 61 Mednyánszky blieb auch nicht lange dem farbenprächti­gen Impressionismus verpflichtet. 1911 war er bereits der Meinung: „Der wahre Kolorismus manifestiert sich in den feinen Grautönen", einige Tage später gibt er zu: „Ich verspürte zum erstenmal voll und ganz die Berechtigung der Fleckenwirkung." 62 Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen lassen sich die ständigen Wandlungen und die Entfaltung seiner künstlerischen Auffassung, seiner Problemstellung verfolgen, und nach der Jahrhundertwende findet man immer mehr Einträge zu Ausstellungserlebnissen und Lektüren. Der sonst so treffsichere Kunsthistoriker Lajos Fülep hat ihn 1904 völlig verkannt, indem er behauptete: „Er ist gegenüber der äußeren Entwicklung der Kunst genauso unempfindlich wie gegenüber der Welt und den Menschen." 63 Dem ist aber nicht so, Mednyánszky zeichnete etwa zur gleichen Zeit in Wien folgendes auf: „Ich habe mich bemüht, die Verbindung festzustellen, die meine künstlerische Auffassung mit der neuesten modernen Richtung in Einklang bringt, denn ich spürte, dass ich dadurch einen bedeutenden Schritt vorankomme." 64 Hier noch einige Stellen aus den Tagebuchaufzeichnungen von 1908: „Ich besuchte die Ausstellung von Zemplényi, dort fand ich viel Interessantes." „Heute habe ich die Secession besichtigt, die russischen Bilder sind wunderschön". Im Jahr 1909 fügte er seinen Erfahrungen besonders viele Bemerkungen hinzu: „Was habe ich Neues in den Wiener Ausstellungen gesehen? 1. Mit der Farbe zeichnen (Van Gogh) [...] Corinth. Denis. Vuillard. Klimt. Munch". 1911 war ihm folgende Notiz wichtig: „Nach neun ging ich in das Kunsthistorische Museum, ich habe wieder einmal viel gelernt und es sehr genossen." Und erzählt auf und kom­mentiert die Künstler und die Werke, die ihn ansprachen: Hobbema, Veronese, Tintoretto, Poussin, Rubens; dann Rembrandt, Brueghel. „Heute sah ich zwei Bilder von Israels als Reproduktion. Dadurch habe ich meinen größten Fehler im Figürlichen erkannt, die Gebundenheit. Die große Gebundenheit schadet der Lebendigkeit. [...] Auch den Neoprimitiven verdanke ich einige sehr wertvolle Einsichten. Obwohl sie sich in Extremen bewegen, suchen sie die primitiven Menschen nicht auf, wie es Gauguin tat, sondern sie arbeiten nach Theorien." „Ich habe die Kunst Tornyais kennen gelernt." „Heute war ich im Künstlerhaus. Viel interessantes. Jugendbund [...] Allmählich beginnt die Beobachtung der vielen guten ausländischen Dinge auf mich einzuwirken, ich beginne meine Persönlichkeit zu spüren, im Gegensatz zu all den wahren Persönlichkeiten." „Heute besuchte ich den Herrn Rat Marcell Nemes. Ich sah seine ausgezeichnete Kunstsammlung." Die Namen, die er hervorhob: Greco, einen Rembrandt-Schüler, Chardin, Munkácsy, Francisco de Goya, Tintoretto, Van Dyck, Rubens, Velázquez, „zwei wunderschöne Cézannes, drei Courbets", Lenbach, Tizian, „ein wunderschöner Mannheimer". Die vielen Aufzeichnungen verraten, wie der reife Künstler zwischen den vielen unterschiedlichen künstlerischen Lösungen hin und herrennt und sich gleichsam 9 Józef Pankiewicz (1866-1940): Park in Duboj, 1897 (Warschau, Nationalmuseum)

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