Markója Csilla szerk.: Mednyánszky (A Magyar Nemzeti Galéria kiadványai 2003/2)
Das Leben und die Kunst von László Mednyánszky, mit besonderer Rücksicht auf die Periode vor - Anna Szinyei Merse: Mednyánszkys Beziehungen zur Kunst seiner Zeit
daran berauscht, wobei sich seine Weltsicht voll entfaltet. „Nationalsalon [in Budapest]: wunderschöne Kollektion", er hebt die Namen Béla Szepes, Oszkár Glatz, László Paál, Sándor Nyilassy, István Bosznay, Gyula Kosztolányi Kann hervor. Dann kehrt er zu Marcell Nemes zurück: „Courbet und Bassano konnte ich nur durch ihn kennen lernen." Dann einige Tage später: „Ich kam in die Kunsthalle [von Budapest]. Die Jubiläumsausstellung ist schön, es gibt viel gutes. Großer allgemeiner Fortschritt in der Malerei, viel gute neue Dinge, und viel Neues im besten Sinne des Wortes. Man hat malen gelernt, und viele haben auch was zu sagen. Nyilassy hat sehr gute Dinge ausgestellt. Mendlik, Nadler, von B. Pór einige kleine, interessant eingestellte Dinge. Pentelei Molnár stellte einige sehr schöne Landschaften, Pista Csók einige schöne Landschaften, Katona eine schöne holländische Landschaft und Tatra aus; von Viktor Olgyai ein schöner Winter, Zemplényi: Küste, Katziány [...] Außerdem viele ganz neue, schöne Talente, diese muss man noch extra besichtigen und sich einprägen, es gibt viel zu lernen. Die Behandlung der Farben ist bei den Bildern der neuen Richtung interessant, die Sensibilität für die Valeurs ist entwickelter, selbstbewusster. Es gibt wenige figürliche Dinge, die bilden den schwächsten Teil der Schau. Auch die Wahl der Sujets ist interessant, die Erfassung des Raums ist geschickt dem Sujet angepasst." 65 Und das ging noch Jahre hindurch weiter so, auch noch während des Krieges: Die immer neuen Ausstellungsbesuche machten Mednyánszky noch bewusster und entwicklungsfähiger. Aus dem in der Zeitschrift Enigma mitgeteilten Briefwechsel geht unter anderen hervor, wie sehr er mit dem Eintreffen in Budapest der Maler aus Nagybánya (heute Baia Mare, Rumänien) rechnete, wie aufrichtig er sich über den Erfolg von Károly Ferenczys Ausstellung von 1903 freute, und aus einem Brief aus der Zeit um 1909 erfährt man folgendes: „Ich war fünf Tage lang in Wien, sah wunderschöne Ausstellungen und studierte die vielen interessanten Dinge so lange bis ich todmüde war." 66 Man kann nur bedauern, dass aus den Pariser Jahren keine ähnlich detaillierten Berichte bekannt sind, die die Rekonstruktion seiner dortigen Tätigkeit erleichtern würden. Es ist unbedingt interessant, welche Maler er aus dem gewaltigen Material der Ausstellungen hervorhob und über welch wenige er (verhältnismäßig selten) Missfallen äußerte. Die Kunst von Mednyánszkys reifer Periode ist mit gewissen Tendenzen seiner früheren Kunst organisch verbunden, besonders durch das Dämonische, das sich in menschlichen und Naturerscheinungen manifestiert. Diesbezügliche Hinweise tauchen immer wieder in seinen Tagebuchaufzeichnungen auf. Er experimentierte jahrzehntelang mit der überzeugenden Vergegenwärtigung dieser Interessen, die ersten ernsthaften Ergebnisse kamen auf der Pariser Ausstellung von 1897 vor die Öffentlichkeit. Den Höhepunkt erreichte er mit diesem Thema in den ersten anderthalb Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts: „Mir schweben die Gestalten einiger Landstreicher vor Augen, mit der bislang nicht erfahrenen Kraft und Unmittelbarkeit des Realismus" - bezeugte er in seinen Tagebüchern. 67 Sowohl seine passiven (leidenden) als auch seine aktiven (aggressiven) Landstreicher sind von gedrosselten inneren Energien geladen, die durch die dynamischen Linien, die aus dem Dunklen hervorleuchten, die kaum angedeuteten Figuren gleichsam sprengen. Wie an Daumiers Künstler vor der Staffelei oder bei seinen Bildhauern 68 (Abb. 10), werden die Figuren durch leuchtende Gelbtöne an den Silhouetten von ihrer kaum angedeuteten Umgebung hervorgehoben, trotzdem ist es nicht wahrscheinlich, dass man mit konkreter Wirkung rechnen müsste. Daumiers Werke dieser Art wurden kaum in Ausstellungen gezeigt. Vielmehr handelt es sich um parallele Bestrebungen, wie auch bei der im Zusammenhang mit Mednyánszky wiederholt angenommenen Verwandtschaft mit Rouault. Der Einfluss Goyas ist auch eher eine Hypothese, selbst wenn sich der Maler auf diesen Künstler tatsächlich berief. Ebenso verhält es sich mit den Kriegskompositionen, die mit den expressiven Landstreicherbildern aus der Zeit zwischen 1905 und 1913 eng verwandt sind. Bei einigen dieser Kriegsbilder bieten sich wieder Analogien zu Daumiers Massenszenen von Auswanderern oder Flüchtlingen. Die erschütterndste Seite der Kunst Mednyánszkys tritt an seinen Bildern in Erscheinung, die er aufgrund seiner Fronterfahrungen malte: Nicht nur die dem Tode geweihten Menschen, sondern auch die Landschaft wird durch das Leiden des Universums, durch die unermessliche Vernichtung in ihrem Wesen verwandelt, wobei aus den Trümmern sogleich neues Leben sprießt. Der unendlich einsame Maler, der an der Last seines außerordentlichen Loses schwer zu tragen hatte, konnte diese Tragödie selbst nicht überleben, aber sein Schaffen sollte die Ergebnisse seiner eigenartigen Laufbahn als Memento bewahren. 10 Honoré Daumier (1808-1879): Atelier eines Bildhauers, um 1863/1866 (Washington, Phillips Memorial Gallery) ANMERKUNGEN 1 Tagebucheintrag vom 4. August 1897 aus Paris. Zitiert, in dieser Form, ohne Komma, bei Kállai, Ernő: Mednyánszky László. Budapest 1943. 46. Ilona Brestyánszky setzt nach „nirgendwo", meiner Meinung nach fälschlich, ein Komma, vgl. Mednyánszky László naplója (Szemelvények) [Tagebuch von László Mednyánszky (Auszüge)]. Hrsg. u. mit Vorw. u. Anm. vers. v. Ilona Brestyánszky. Budapest 1960. 51. Nach meinem Verständnis ließe sich nach „als Fremder" ein Komma setzen. 2 Mednyánszky László naplója (wie Anm. 1), 51. 3 Czóbel Istvánné Mednyánszky, Margit: László - Brouillon (visszaemlékezés) [Rückerinnerung]. Enigma, No 24/25, 2000. 61. 4 Markója, Csilla: Thomas Ender und László Mednyánszky. In: Gedenkausstellung Johann Nepomuk Ender (1793-1854), Thomas Ender (1793-1875). Kunstsammlung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften. Budapest 2001. Hrsg. v. Gábor György Papp. Budapest 2001. 134-140. 5 Freundliche Mitteilung von Csilla Markója, István Bardoly und Orsolya Hessky. Siehe dazu auch den Aufsatz von Orsolya Hessky in dieser Publikation.