Wellmann Imre szerk.: A Magyar Mezőgazdasági Múzeum Közleményei 1971-1972 (Budapest, 1973)
Wellmann, Imre: Die neuzeitliche „landwirtschaftliche Revolution" und ihre Anfänge in Ungarn
beschränkter und bindender Tradition — die neuen Kenntnisse und Methoden durch Unterricht, gedrucktes Wort sowie unterschiedliche Wege der Massenkommunikation und die Mittel zur Verwirklichung des Neuen durch den weltumfassenden Verkehr zu einem jeden zukommen können. In Ungarn sind Ansätze einer Erneuerung der herkömmlichen Landwirtschaft seit dem 17. Jahrhundert bemerkbar. Wie überall, haben auch hier einige vereinzelte Bestrebungen den Weg zum Systemwechsel gebahnt, der, von den 1770er Jahren an bewußt propagiert, sich dann erst im 19. Jahrhundert voll entfaltete. Auf Großgütern wurden seit Ende des 17. Jahrhunderts aufgrund von Rinderimport aus westlichen Ländern immer mehr Molkereien mit Stallfütterung eingerichtet. Auch Bauern gingen im 18. Jahrhundert mit dem Beispiel einer intensiveren Haltung von Schafen westlichen Schlages voran. In herrschaftlichen Eigenwirtschaften legte man zunehmendes Gewicht auf eine systematische Düngung. Laut einer Quellenangabe kam es Mitte des 18. Jahrhunderts zur Samenzucht einer Futterpflanze — wahrscheinlich des einheimischen Fennichs. Von den neuen Nutzpflanzen amerikanischen Ursprungs, die eine neuartige, intensivere Bebauung erforderten, hat sich der Mais seit Anfang, der Tabak seit Mitte des 17. Jahrhunderts und die Kartoffel seit den 1770er Jahren, vorerst mit Hecken vor dem Weidegang geschützt, verbreitet. „Gärten" solcher Art bildeten auch sonst eine wichtige Ergänzung zur üblichen Felderwirtschaft mit Flurzwang: außer den Hausgärten und Weingärten der Bauern waren auch in der Flur unterschiedliche Gärten für Kraut, Hanf, Flachs, Melonen usw. zu finden. Oft schloß sich an das Dorfinnere noch ein gleichfalls umzäuntes Feldstück an, wo Jahr für Jahr Brotgetreide angebaut wurde. Man fing sogar im Westen des Landes seit Anfang des 18. Jahrhunderts an, eine Bresche in die althergebrachte Dreifelderwirtschaft zu schlagen, indem man die Brache mit Getreide oder Rübenarten besömmerte. Eine ausgedehntere partielle oder völlige Aufhebung der Brache erfolgte an vielen Orten dann, als Maria Theresia im Laufe der Regelung der (für die nicht von der Landwirtschaft lebenden Leute, die einen immer größeren Prozentsatz der Bevölkerung ausmachen) Lebensmittelproduktion, freigewordene Arbeitskräfte und Kapitalanhäufung zugute kommen. Ablösung der natürlichen, bodenständigen, selbstgenügsamen und ruhigen Lebensweise durch eine immer mehr hastende und mechanisierte, durch kalkulierenden Unternehmergeist, der den Bodenbesitz als Profitquelle betrachtet. Zunehmende Bedeutung des Kapitals auf Kosten der Arbeit, die bis dahin in Fülle vorhanden war und beim — meist auf der Familienorganisation beruhenden — Bauernbetrieb kaum als Bestandteil der Produktionskosten in Betracht kam. Anstatt althergebrachter Routine Wirtschaftführung aufgrund immer tiefgründigerer Fachkenntnisse, die außer Fachunterricht und sonstigen Mitteln der Kenntnisübertragung auch durch die mehrseitige Produktion, durch Marktbezogenheit, Verwendung von Industrieartikeln und Maschinen erweitert werden. Sprengung der Fesseln der Dorfgemeinschaft, mit Eindringen der Außenwelt in den Dorfbereich verbunden, Loslösung des Individuums (was aber auch den Verlust der gemeinschaftlichen Stütze bedeutet), Geltendmachung nach Möglichkeit seiner eigenen Interessen. Abschaffung der feudalen Fesseln und Abhängigkeit, Ausgestaltung einer freien bürgerlichen Bauernexistenz, unter Mitwirkung der sich entfaltenden staatlichen Agrarpolitik. Lauter sich verflechtende Komponenten einer zwar anhaltenden, aber umfassenden Umwälzung, wie sie in der früheren Geschichte des Agrarlebens unbekannt und auch unvorstellbar war.