Póczy Klára: Forschungen in Aquincum 1969- 2002 (Aquincum Nostrum 2. Budapest, 2003)

4. Historische Zusammenfassung - 4.1. Aquincum vor der römischen Eroberung (Tibor Hable)

169; T. NAGY 1962, 90). Die semantische Ana­lyse des Namens warf die Möglichkeit allgemeiner historisch-geographischer und entfernterer ethni­scher (iberischer) Beziehungen auf (BONIS 1969, 217, 221, 229). Hinsichtlich der Bevölkerungszahl des einwan­dernden Ethnikums liegen keine zuverlässigen Angaben vor (T. NAGY 1955, 33), ebensowenig darüber, unter welchen Umständen und innerhalb welcher Zeitspanne es das Gebiet der späteren civitas peregrina besetzte (MÓCSY 1962/1, 532). Die Westgrenze ihres Siedlungsgebietes teilten sie sich mit den früher (?) angesiedelten illyrischen Azalern, ihre südsüdwestliche Grenze dürfte der Fluss Sió gewesen sein, und südlich davon begann die pannonisch-scordiskische Zone. Ihre nordwest­lichen bzw. nordöstlichen Nachbarn waren die Stämme der Boier bzw. Oser (Tac. Germ. 28) (MÓCSY 1959, 55, 61; ALFÖLDI 1942/2, 26). Auch auf den Donau-Inseln gab es eraviskische Siedlungen, 10 und um 30 v. Chr. beherrschten noch die Daker die Große Tiefebene (MÓCSY 1954, 125). Historische Aufzeichnungen bezüglich des Zeit­raums zwischen dem Tod Burebistas und dem Feldzug des M. Vinicius (10 v. Chr.), die das in erster Linie auf archäologischen Beobachtungen fußende Bild über die freien Eravisker ergänzen könnten, gibt es nicht. Lange Zeit hielt sich unter Berufung auf Tacitus die Auffassung, die von den Osern und Eraviskern gesprochene lingua Panno­nica (Germ. 43) könne keine keltische Sprache gewesen sein, sondern hätte sich lediglich bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts „keltisiert" (ALFÖLDI 1942/1, 156-157; MÓCSY 1958, 61, 64, 133), woraus folge (Germ. 28), daß „...beides pan­nonische, also illyrische Völker waren". Miklós Szabó fand im Laufe seiner Untersuchung des einheimischen Namenmaterials der civitas Eravis­corum eindeutige Beweise dafür, daß der Stamm 'keltisch' gesprochen hat (M. SZABÓ 1963), welcher Dialekt archaische Züge bewahrte und 10 E. H. Hanny, Spuren einer keltischen Siedlung auf der Trasse der Autobahn M 0 (Szigetszentmiklós­Üdülősor-Vízműtelep). BTM Műhely 5. Budapest 1992, 241-276. den „keltischen p-Idiomen" zuzuordnen ist (M. SZABÓ 1971, 28-30). Das Vorkommen illyri­scher Namen deutet auf die Integration der ein­heimischen Bevölkerung oder die zu den benach­barten Azalern geknüpften Kontakte hin, und in ihrem Grenzgebiet erschienen zweisprachige illyrisch-keltische Gruppen. Sehr viele der Namen findet man auch bei der ethnischen Gruppe der Boier (MÓCSY 1959, 227. Nr. 129), und wei­tere starke Ähnlichkeiten mit ihnen lassen sich in der Grabplastik (Frauenkopfbedeckung: FITZ 1958/1, 397-398, 402; bzw. Darstellung von Totenwagen: BARKÓCZI 1956, 84) beobachten. Das sind zugleich allgemeine Parallelen, die auch auf andere Beziehungen als die zur Leitha-Gegend hindeuten könnten (BONIS 1969, 228). Zur genaueren Kenntnis der eraviskischen Gesellschaftsstruktur stehen uns weder ethnogra­phische Beschreibungen noch die der römischen Eroberung vorausgehenden Gräberfelder zur Ver­fügung, was die Forscher selbst im Falle so gut erforschter Fundorte wie des Geliertberges oder des Handwerkerviertels Tabán vor ernsthafte Probleme stellt. 11 Neben einigen auf Grabungser­fahrungen fußenden Grundlagewerken dienen in erster Linie die schon erwähnten numismatischen, epigraphischen bzw. onomastischen Forschungen mit wertvollen Informationen. Das Recht zur Geldemission lag in den Hän­den der Stammestraditionen pflegenden eraviski­schen Führungsschicht (M. SZABÓ 1964, 173). Nach 35 v. Chr. wurden, um den einige Jahre vorher zurückgefallenen römischen Münzverkehr zu ersetzen (MÓCSY 1962/2, 15-18), erstmals Denarimitationen ohne oder mit verballhornter Legende in Umlauf gebracht. Auf den in der Zeit um Christi Geburt geprägten Münzen erschienen der Name des Stammes in der Form RAVIS, RAVISCI bzw. IRAVISCI sowie (oder ausschließ­11 Die Konstellation pars pro toto gilt für die gesamte unga­rische Oppidumforschung: „von der Geschichte der meisten Oppidum-artigen Fundorte besitzen wir kein authentisches Bild, mehrere im Zeitalter der dakischen Kriege entstan­dene Höhensiedlungen...entsprechen...nicht dem Begriff Oppidum" usw. M. SZABÓ 1970, 431; M. SZABÓ 1990, 28.

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