Budapest Régiségei 30. (1993)

VALLÁS = RELIGION - Diez, Erna: Leda in Aquincum = Léda Aquincumból 209-214

und unten bauschig nach links wehenden Manteltei­len, der Schwan. Seine Größe steht im richtigen Ver­hältnis zur Gestalt der Leda, aber neben ihr ist er doch nur eine Randfigur, - dazu noch fragmentiert und deshalb zunächst weniger beachtet. Die reiche Befiederung seines Leibes ist schuppenartig mit groß­er Sorgfalt wiedergegeben. Die Schwingen, besonders die linke am Reliefgrund, sind hoch gelüftet, der schlanke Hals in einer für Schwäne charakteristischen Bewegung im Ansatz beinahe spitzwinkelig zurückge­nommen, - Anzeichen einer gewissen Erregtheit. Der Abstand vom Leib zur Bodenlinie des Reliefbildes er­scheint zu groß für die niedrigen, weit hinten einge­lenkten Füße des Schwans; er dürfte, wie auf einem spätantiken Mosaik aus Hispanien, auf einem Podi­um gestanden sein. Auf dem Mosaik zupft der Schwan (Überschrift: ADULTERIUM / IOVIS) Leda (LE­DA) am Gewand, um sie auf sich aufmerksam zu ma­chen. Dasselbe tat er unzweifelhaft auch auf dem Re­lief in Aquincum. Sein in Richtung auf den Mantelbausch vorgestreckter langer Hals läßt keine andere Deutung zu. Die Reliefierung ist an dieser Stelle des Steins schwer beschädigt, auch nicht mehr ertastbar. Auf mancher Photographie aber glaubt man den nach der Mitte leicht gesenkten Hals und sogar Kopf und Schnabel, der eine Mantelfalte ergriffen hat, noch ausnehmen zu können. Auf dem hispanischen Mosaik reagiert Leda er­staunt, erschreckt. Ganz anders die Leda in Aquin­cum. Kopf und Hals sind weggebrochen, sie dürfte je­doch nach vorn, aus dem Bild herausgeblickt haben, ohne dem Annäherungsversuch des Schwans Beach­tung zu schenken. Deshalb muß Eros aktiv werden, energisch und nachdrücklich. Er tritt über dem Schwan in weiter Ausfallstellung an, das linke Bein vorgesetzt, das rechte nach hinten durchgestreckt. Der beflügelte Oberkörper war nach vorn gerichtet, ver­mutlich spannte er den Bogen gegen Leda. Bei einer so heftigen Aktion konnte Eros freilich nicht schwe­ben oder flattern. Er führt seinen Ausfall auf einer nicht ganz waagrechten wulstigen, „Standleiste" durch, die vom Bagger großteils abgetragen wurde. Einigermaßen erkennbar noch das vordere Ende, das büschelig, spitz zulaufend und längsgegliedert ist. Es könnte - ein origineller Einfall - das Blitzbündel des Zeus sein. Mit dem Erscheinen des Artikels 'Leda' im „Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae" (LIMC), ha­ben wir einen Überblick gewonnen über die Vielzahl und Vielfalt der Darstellungstypen, der Motive und Variationen in verschiedenen Kunstgattungen und aus verschiedenen Epochen der griechisch-römischen Kunst. 141 Darstellungen sind in diesem Artikel erfa­ßt, an die 100 auch abgebildet. Eine direkte Parallele zur Leda in Aquincum ist nicht darunter. Ein seit langem bekanntes, mehrfach publiziertes marmornes Reliefbild, das im Ungarischen National­-51 museum Budapest verwahrt wird, zeigt Leda mit dem Schwan in einer ganz anderen Szene: Leda sucht den sie bedrängenden Schwan, der neben ihr auf ei­nem hohen Pfeiler steht, mit einem Griff um seinen Hals abzuwehren - in erlahmendem Wiederstand, wie man aus ihrer Haltung und dem Gesichtsausdruck zu erkennen vermeint. Den Bausch ihres auf die Ober­schenkeln herabgleitenden Gewandes hält sie mit lo­sen Fingern. Als Fundort dieses Reliefstückes, das zu­sammen mit dem Bild des vom Zeus-Adler ergriffenen Ganymedes ursprünglich die Vorderwand eines Sar­kophags schmückte, wird in der Fachliteratur wieder­•5-5 holt Aquincum angegeben, es stammt jedoch erwie­senermaßen aus Sopianae (Pécs, Fünfkirchen). Das relativ gut erhaltene Marmorrelief aus Sopia­nae (das Gesicht der Leda ist leicht, die Brüste etwas stärker bestoßen, der Kopf des Schwans abgeschla­gen), als dessen Entstehungszeit die Mitte des 2. Jhs. gilt, zeigt die typische Arbeitsweise eines provinzia­len Steinmetzen. Die stark beschädigte, fragmentierte, verstümmelte große Kalksteinplatte in Aquincum, die man in das frühe 2. Jh. datieren möchte, ist hingegen das Werk eines Meisters. Die photographischen Auf­nahmen lassen die Qualität des malerischen Stils, den ästhetischen Reiz des weiblichen Aktes nur unzuläng­lich erkennen; bei eingehender Betrachtung des Re­liefs in günstigem Licht kommen sie aber heute noch zu Geltung und Wirkung. Anmerkungen 3. 4. s. K. Póczy's Grabungsbericht in: BudRég XXIV/1976. 79-87. Klára Póczy bot bereitwillig Einblick in ihr Gra­bungstagebuch. Sehr herzlich danke ich ihr dafür daß sie mir die Publikation dieses Reliefstücks anvertraute. Photo: Komjáthy Péter Aus dem Ei, das Leda gebiert, gehen Helena und die Zwillingsbrüder Kastor und Polydeikes her­vor, allgemein Dioskuren genannt, wenngleich ih­re Abstammung widersprüchlich überliefert wird s. RÖSCHER, ML II/2 (1894-1897) s. v. Leda, 1922-1925 (H. W. Stoll); LIMC VI/1 (1992) s. v. Leda 231 f. (L. Kahil). Die ältere Sage, nach der nicht Leda die Mutter der Helena ist, sondern die in eine Gans verwan­delte Nemesis, die vom Zeus-Schwan überwältigt wurde RÖSCHER, MLIII/1 (1897-1902) 117-121., 211

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